ALLERHEILIGEN

"Unser Abenteuer wird das der Heiligkeit sein, oder es wird keines sein."

"Nichts kann den Lauf zur Heiligkeit aufhalten!"


ALLERHEILIGEN "IN JERUSALEM"

Allerheiligen ist das Gründungsfest unserer Gemeinschaften. Am 1. November 1975 haben die ersten Brüder in St. Gervais begonnen im Herzen der Stadt Paris und im Herzen Gottes zu leben, zu beten und Gott zu loben, zu arbeiten und gemeinschaftlich zu leben.



Allerheiligen !

Es liegt etwas Einzigartiges und etwas sehr Erhellendes allein in dem Namen des Festes. Der Ausdruck « Allerheiligen » (Toussaint) ist in der Tat ein einziges Wort, setzt sich aber (im Französischen) zusammen aus einem Singular und zugleich einem Plural. Aus einem Plural, « aller » (tous), denn das Ideal, das hier zum Ausdruck gebracht wird, ist ein allumfassender Ruf. Aus einem Singular, « heilig » (saint), denn die Berufung, von der er spricht, ist die Berufung zu der einen Vollkommenheit.

Wir sind also alle berufen, das Leben des Vaters, dessen Kinder wir sind, zu teilen. Darum tragen wir auch eine zweifache Nostalgie in uns: die SEHNSUCHT NACH DER QUELLE, aus der wir hervorgegangen sind, und die nach dem Ziel, dem wir entgegengehen. Wir sind geprägt von der Erinnerung an das verlorene Paradies, das uns zur Welt kommen sah, und zugleich von der SEHNSUCHT NACH DEM HIMMEL, den wir erwarten und in dem wir neu geboren werden sollen.

Aber kann man heilig sein, wenn man inmitten der Großstädte bleibt?

Kann man im Herzen Gottes und zugleich im Herzen der Städte leben? Schwestern und Brüder, hören wir den Herrn selbst uns sagen, wie sehr uns die Stadt der Menschen in Wahrheit dahin führen kann zu lieben und zu beten und so, wenn wir treu bleiben, zu einem echten Leben der Heiligkeit. Ein Weg zum Gebet und ein Weg zur Liebe - das ist in der Tat die Stadt. (...)

Wahrhaftig, Gott ist im Menschen. Seit dem Tag, an dem der Vater seinen eigenen Lebensatem in ihn hineingelegt hat, müssen wir zuerst im Herzen des Menschen die Spur Gottes suchen.

Seitdem der Sohn « uns ähnlich » geworden ist, sollen wir durch das Menschliche hindurch zum Göttlichen aufsteigen. Und seit der Stunde, in welcher der Geist, der aus seiner durchbohrten Seite hervorkam, in unsere Herzen ausgegossen wurde, ist die Menschheit selbst zum Tempel seiner Herrlichkeit geworden und erstrahlt hell durch die Gegenwart Gottes.

« Das vollkommene Gebet», schreibt Paul Evdokimov, « sucht die Gegenwart Christi und erkennt ihn in jedem Menschen. Das einzigartige Angesicht Christi ist die Ikone par excellence, aber seine Ikonen sind unzählbar - das heißt, dass jedes menschliche Gesicht auch eine Ikone Christi ist. » (...)

Gott ist in der Stadt.

Unter all den großen « spirituellen und theologischen Orten », von denen die Bibel angefüllt ist, finden sich vor allem die Wüste, der Berg, der Tempel und die Stadt ...

Die Wüste besitzt einen ganz eigenen Reichtum, denn sie offenbart dem Menschen sein wahres Gesicht und enthüllt ihm etwas vom Geheimnis Gottes. Und doch durchwandert man die Wüste nur, um sie eines Tages wieder zu verlassen und in das verheißene Land des Himmelreichs einzugehen, wo es keine Wüste mehr geben wird.

Der Berg ist in besonderer Weise sprechend, angefangen vom Hermon bis zum Sinai, vom Berg Tabor, dem Ölberg, dem Berg Zion bis hin zum Berg der Seligpreisungen, wo überall so viele Erkenntnisse geschenkt und Wahrheiten verkündet wurden. Aber man steigt immer von dem Berg auch wieder hinab, und in den letzten Visionen des Buchs der Offenbarung wird davon keine Rede mehr sein.

Übrigens auch nicht von dem Tempel, der, nachdem er mehrfach wieder aufgebaut wurde, endgültig verschwindet, ohne am Ende der Zeit irgendeine Spur zu hinterlassen (Offb 21,22).

Was aber bleibt dann also am Ende? Es bleibt nur ... die Stadt!

Die heilige Stadt, das neue Jerusalem, schön wie eine junge Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat (Offb 21,2). Das Paradies, das in einem Garten begonnen hatte (Gen 2,8), findet seine Erfüllung in einer Stadt, ganz oben auf dem Gipfel der Schöpfung, die von der Herrlichkeit Gottes erstrahlt wird und in der das Lamm selbst die Leuchte ist (Offb 21,23). (...)

Schwestern und Brüder, das Fest Allerheiligen ist da und erinnert uns daran, wie sehr die Stadt uns also beten lehren kann und auf diese Weise, ganz langsam, Gott zu begegnen, ihn ins Wort zu bringen und schließlich sogar, Schritt für Schritt, vergöttlicht zu werden.

Gestärkt durch diese Gnade können wir dann mit allem, was wir sind, versuchen, alles in dem einen Gebot der Liebe zu vereinen, aus dem allein die Vollkommenheit besteht (Kol 1,14). Und auch die Stadt ist noch da, allgegenwärtig und stimulierend, die uns unablässig einlädt zu lieben. Denn in der Tat, die Stadt ist auch auf wunderbare Weise ein Weg der Liebe.

(Auszüge aus der Predigt von Br. Pierre-Marie, Allerheiligen 1991)

Heiligenlitanei aus den Vigilien zu Allerheiligen 2021 | Köln


EINE HEILIGE GESCHICHTE

VERBORGEN

IM HERZEN DER STADT


EINE HEILIGE GESCHICHT VERBORGEN IM HERZEN DER STADT

(Hinweis: Man kann den Untertitel auf deutsch einstellen.)

von Sr. Pamela | Gemeinschaften von Jerusalem in Köln

Sieben Jahre habe ich im Stadtteil Saint-Sauveur von Québec, in der Straße Saint-Luc gelebt.

Eingekauft habe ich in der Straße Saint-Vallier.

Ich flanierte durch die Straßen Saint-Matthias, Saint-Léon und Saint-Benoît.

Sonntags ging ich frisch-fröhlich am Ufer des Flusses Saint-Charles entlang,

in Richtung des Viertels Saint-Roch, der neue « place to be » der Stadt.

Diese Heiligenlitanei der Stadt - ohne Zweifel eine Besonderheit Québecs - löste nichts desto trotz in meinem Herzen einige Gedanken aus:

Ist die Heiligkeit der Stadt nur eine Sache von Straßenschildern?

Es gibt Städter, die sich ganz bewusst auf den Weg der Heiligkeit gemacht haben, die in der S-Bahn die Perlen des Rosenkranzes durch ihre Finger gleiten lassen, die die beiden Hände des Lobpreises und der Fürbitte erheben, die beten und wachen und sich dort, wo sie im Herzen der Stadt wohnen, aus dem Glauben heraus engagieren.

Aber es gibt auch so viele andere Städter, die eine Art unsichtbare Heiligkeit leben, einen Weg, der sie heilig macht, ohne dass sie es ahnen.

Ich denke da an Bernhard, der vor unserer Haustür auf der Straße lebt. Eines Morgens, als ihm sein weniges Hab und Gut, sein Rucksack, über Nacht geklaut wurde sagte er in völliger Gelassenheit:

„Das ist nicht das erste Mal, ich find schon wieder, was ich brauche.“

Oder ich denke an Gabi, die die langen, stillen Fahrten im Zug liebt - auf dem Weg zur Arbeit, noch bevor die Sonne aufgeht. Sie würde das niemals Gebet nennen. Aber wenn ich, als Gläubige, sie davon erzählen höre, bin ich von der Tiefe ihrer kontemplativen Erfahrung berührt.

Ich denke an Herrn Schmidt, ein Mensch mit Demenz,

dem plötzlich das Herz aufgeht,

wenn er vom Kommen und Gehen der Masse an Menschen auf dem Platz vor seiner Wohnung erzählt, von der Freude des frohen Miteinanders, dieses pure Leben,

welches unsere Städte hervorbringen.

Ich denke an die vielen Menschen am Rheinufer, in den Parks und auf den Terrassen, die völlig zwecklos ein Buch lesen oder einen Kaffee trinken aber die eigentlich gekommen sind, um dieses ständige Gewimmel der Leute zu beobachten, diese anonyme Menge die sich, sobald man sie anschaut, verwandelt in Personen, eine einzigartiger als die andere, in Milliarden von Antlitzen, die das Angesicht Gottes widerspiegeln.

Manches Mal tragen unsere Städte die Spuren ihrer Heiligkeit in der Architektur, in den Kirchen, durch die Namen von Plätzen, Straßen und ganzen Vierteln.

Aber – seit jeher und noch heute – schreibt sich diese heilige Geschichte ein im Herzen der Stadt, denn Gott ist da und ruft uns, ihm zu folgen da, wo wir sind.