KARMONTAG

"Es gibt eine Liebe , die empfängt, eine Liebe, die teilt, eine Liebe, die sich verschenkt, und schließlich eine Liebe, die sich entäußert.

Lebensbuch von Jerusalem § 5

Heute sind wir in BETANIEN | Joh 12,1-11


+ Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

1Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte. 2Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente, und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren.

3Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.

4Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später verriet, sagte: 5Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?

6Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.

7Jesus erwiderte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses tue. 8Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch.

9Viele Juden hatten erfahren, dass Jesus dort war, und sie kamen, jedoch nicht nur um Jesu willen, sondern auch um Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte. 10Die Hohenpriester aber beschlossen, auch Lazarus zu töten, 11weil viele Juden seinetwegen hingingen und an Jesus glaubten.

HINFÜRHUNG ZUM BETRACHTEN DES EVANGELIUMS

Die Jünger ahnen noch nicht, was geschehen wird. Sie wussten damals noch nicht - wie wir heute - dass Jesu Weg wirklich zum Tod, ans Kreuz führt. Wer konnte nach der Auferweckung des Lazarus und einem solch triumphalen Einzug in Jerusalem auch ahnen, dass alles nun eine Wende nimmt. Auch wenn die Spannung mehr als in der Luft liegt.

Alles kommt anders! Wie gut können wir dies nachvollziehen in einer Welt die einem Pulverfass an hoch explosiver Spannung liegt, wir treten in diese Kartage ein mit all dem, was uns in und um uns herum bedrängt. Wir leben mit einem fortdauernden Krieg in Europa und dem unfassbaren, zum Himmel schreienden Leid und Unrecht unzähliger Menschen. Wie kann man da auf Ostern zugehen? Sollte man am Karsamstag stehen bleiben... wie ist das zu glauben?

Lassen wir uns mitnehmen in diesen Tagen von Jesu Weg, und fragen wir ihn, schauen wir ihn an und öffnen wir uns für seine menschliche Nähe und für sein göttliche Gegenwart in allem, was ist. Jesus ist menschennah da. So eben auch heute:

Jesus kommt noch einmal nach Betanien zu seinen Freunden Martha, Maria und Lazarus. Diese Freundschaft bedeutet ihm viel, sie teilen diese Freundschaft, indem sie miteinander essen. Vom Freundschaftsmahl, vom Mahl der Liebe werden wir in den kommenden Tagen noch einmal hören, am Gründonnerstag. Hier jedoch ist der Kreis intimer. Ja sogar der Ausdruck der Liebe ist intim. Und das ist das erste, was anders kommt:

Maria salbt Jesus die Füße. Kein gängiges Ritual beim jüdischen Mahl, wie das der Waschung der Hände... nein... es handelt sich hier um ein explizites Liebeszeichen.

Und durch dieses Zeichen, erfahren wir etwas über die Freundschaftsliebe der Maria zu Jesus. Marias Liebe ist absolut GRATIS, ja sogar verschwenderisch. Kostbares Nardenöl, ein absolutes Luxusgut. Aber diese Freundschaftsliebe zeigt: wahre Liebe unter Freunden ist nicht berechenbar, sie ist gratis. Vergossen für Jemanden, der einem teuer ist.

Dieser Tag heute lädt uns ein, selbst mal einen Blick auf unsere Freundschaften zu werfen. Unsere Freundschaft mit Freunden aber auch die mit Jesus.

Jetzt aber kommt es auch für Jesus anders:

Er lässt geschehen, er lässt sich berühren und er versteht. Er ahnt die Sehnsucht, die hinter dieser Geste liegt. Sechs Tage vor dem Paschafest... Es ist schon ungeheuer brenzlich um Ihn geworden - die Juden sitzen Ihm im Nacken, er weiß, dass sie Ihm ans Leben wollen. Er geht den Weg der Liebe bis in den Tod, den Weg, der aus der Liebe zu seinem Vater erwächst. So legt der Evangelist Johannes Jesus diese nachösterliche Perspektive in den Mund, dass dieses Zeichen weiter reicht als irdische Liebe. Freundschaftsliebe geht über den Tod hinaus. Für Jesus hat diese Liebe einen unglaublichen Wert. "Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses tue." (Joh 12,7) Denn... wenn wir einmal vorspuhlen... wissen wir: am Ostermorgen gehen die Frauen zum Grab, um den Leichnam Jesu zu salben. Aber sie werden diesen Leib, den sie salben wollen, nicht finden, denn er ist schon leibhaftig auferstanden.

Jesu Zusage ist in diesen Umständen keine Vertröstung, sondern er bietet uns einen wahren Trost.

In dieser Woche nimmt er uns mit auf diesen Weg der Liebe durch Dick und Dünn. Er lädt uns ein, diesen Weg der Freundschaftsliebe kennen zulernen und uns in je eigenem Tempo auf diesen Liebesweg mitnehmen zu lassen. Denn: wir werden es Donnerstagnacht in den Abschiedsreden hören: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt." (Joh 15,15) Eine Freundschaft mit unglaublichem Wert. Er bietet uns an, mit Ihm durch die Höhen und Tiefen unseres Lebens zu gehen. Durch Einsamkeit und Leid, durch Herausforderung und Scheitern, durch Krankheit und den Tod. Und er schenkt uns diese Hoffnung, dass die Liebe stärker ist, als der Tod.

Und zu guter Letzt: auch für Judas wird alles anders kommen. Wir werden das in diesen Tagen zu hören bekommen, heute bahnt es sich schon an: Judas, reagiert auf dieses Liebeszeichen der Maria mit Neid und Missgunst. Judas, den Jesus in der Nacht selbst "Freund" nennt, verspielt diese Freundschaftsliebe ...

Zu Beginn der Karwoche ahnen wir also, wie sehr wir uns auf diesen Weg einlassen können. Wie sehr wir diesen Weg durch das Leiden und Sterben, das jedes Leben im Kleinen und Großen kennt, in dieser Woche aus verschiedenen Perspektiven betrachten können. Jesus zeigt uns, es ist ein Liebes- und Leidensweg. Denn:

"Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." (Joh 15,13)