KARSAMSTAG

"Richte deine Augen auf Jesus, der abgestiegen ist in das Reich des Todes. Lerne dein Vertrauen nicht auf dich selbst, sondern auf Gott zu setzen, der die Toten zum Leben erweckt."

Lebensbuch von Jerusalem § 103

Heute sind wir vor dem Grab und schauen in großer Stille Jesus, der hinabsteigt in das Reich des Todes.


Grabesruhe


alles ist getan,

der letzte Dienst erwiesen,

die Erinnerung bleibt.

In Stille verweilen,

nach innen schauen,

Abschied nehmen:

von Liebgewordenem,

von Schwerem,

von Hoffnungen,

von Enttäuschungen.

Frei werden, Raum schaffen,

offen bleiben:

sich ausstrecken nach vorn,

Leben wagen,

aufbrechen.

Nicht sofort.

Nicht zu schnell.

Doch mit Bestimmtheit,

sobald die Stunde da ist.


Offizium vom Abstieg in das Reich des Todes




Was ist dies?

Großes Schweigen herrscht heute über der Erde,

großes Schweigen und Einsamkeit;

großes Schweigen, denn der König schlummert:

„die Erde erbebte und wurde still.“

Denn Gott schläft dem Fleische nach und ging hin,

um die seit Urzeiten Schlummernden aufzuerwecken.

Gott ist gestorben im Fleisch, und die Unterwelt erzittert.

Gott ist für ein kurzes entschlafen

und hat die Bewohner der Unterwelt aus dem Schlaf geweckt.

Pseudo-Epiphanius, 5. Jahrhundert


Das Offizium vom Abstieg in das Reich des Todes ist umhüllt von der Stille der Grabesruhe am Karsamstag. In diesem Jahr ist die Stille noch größer, da auch die äußere Stille so still geworden ist und die Stadt so still ist, wie noch nie. Eine Gebetszeit zum Abstieg Jesu in das Reich des Todes gibt es in der Westkirche so nicht - es ist angelehnt an das Offizium der Ostkirche. So beginnt es mit dem Troparion, einem Gesang der in großer Ruhe diesen ABSTIEG INS REICH DES TODES besingt.

Es ist die einzige Gebetszeit im Jahr, in der wir die Psalmen nicht mehrstimmig singen, sondern nur auf einem recto tono kantillieren. Die beiden Kirchenväterlesungen von Epiphanius umschreiben das Geheimnis des Abstiegs ins Reich des Todes.

Dieses Offizium führt uns hinab in großer Stille auf die Schwelle zwischen Tod und Leben. Das Leben setzt ganz unten an. Jesus ist wirklich tot und teilt diesen Tod mit all jenen die im Grabe ruhen. Aber das göttliche Leben bricht das Grab, alle Fesseln und Mächte des Todes. Wie es auch auf der Ikone dargestellt ist. Jesus holt Adam und Eva, die ersten Menschen aus den Gräbern. Er führt sie nicht an der Hand herauf, sondern am Handgelenk, am Lebenspuls der Pulsader greift er sie. Das Leben bricht sich leise die Bahn.

Der Choral "Im Frieden seiner Liebe schläft voll Sanftmut mein geliebter Herr, der Gott, den meine Seele liebt." besingt dann diese HOFFNUNG DER AUFERSTEHUNG, die Psalmen und Gesänge ebenso. Der Antwortgesang zur Lesung aus dem 1. Petrusbrief und dem Kommentar "Am siebten Tag ruhte Gott der Herr, nach all seinem Werke, das er vollendet hatte." führen zurück in die Stille, die noch bis zu den Vigilien der Auferstehung des Herrn heute Nacht anhält.

Offizium vom Abstieg in das Reich des Todes

Karsamstag Mittag 2021.pdf

Offizium vom Abstieg in das Reich des Todes

Kirchenväterlesung I | Von Epiphanius im 5. Jh.

Kirchenväterlesung II | Von Epiphanius im 5. Jh.

Kommentar zur Lesung (1 Petr. 3, 18-20)

18Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht. 19So ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt. 20Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet.

„Gelitten, gestorben und begraben“ –

das haben wir nicht geträumt!

Es war und ist keine Einbildung und schon gar kein Phantasieprodukt,

sondern grausame, brutale Realität, der wir uns am Karfreitag gestellt haben:

Wir haben unseren Herrn und Gott zu Grabe getragen.

Was gibt es also heute noch zu „feiern“?

Was bleibt zu sagen, wenn es einem die Sprache verschlägt,

wen sich eine bleierne Stille wie ein Leichentuch über alles legt?

Und wo finden wir Halt, wenn unsere Hände doch nur ins Leere greifen

und wir schweigend fragen: „Herr, wo bist du?“

„Gelitten, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes“

antworten wir mit dem Glaubensbekenntnis und wissen zugleich,

wie fern unserem Bewusstsein dieser Glaubensartikel oft ist, so dass wir sagen möchten:

„Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben.“

Der Karsamstag ist kein wirklicher Feier-Tag;

er ist eher ein Leerzeichen auf der Tastatur der menschlichen Geschichte,

und als solches gehört er sicherlich in das Leben jedes Menschen.

Dieser Tag – und das ist HEUTE – stellt uns ganz bewusst an den Rand eines Abgrunds,

lädt uns ein, einen Blick in die Tiefe zu wagen; ja, mehr noch:

den Blick in die Tiefen aller menschlichen Abgründe auszuhalten.

Aber er verlangt nicht, einen Schritt über den äußersten Rand zu tun;

er verbietet es uns sogar, denn ein Anderer hat diesen Schritt gewagt:

Für uns ist er Stufe für Stufe in die Abgründe aller Erbärmlichkeiten gestiegen.

Uns jedoch wird heute zugemutet, Leere auszuhalten, anzunehmen, auszuhalten,

die Leer unserer enttäuschten Hoffnungen und Erwartungen.

Der Blick in unserer Abgründe war noch nie bequem oder angenehm,

aber er hat viel mit einer vorösterlichen Grenzerfahrung zu tun,

an der wir nicht vorbeikommen.

Das Offizium vom „Abstieg des Herrn in das Reich des Todes“,

das in der ostkirchlichen Tradition einen festen Platz in der Liturgie hat, knüpft daran an.

Das, was urmenschliche Erfahrung ist, muss, kann und darf „gefeiert“ werden-

so geheimnisvoll und unaussprechlich es bleibt.

Der Karsamstag lässt dabei keineswegs auf vorschnelle Weise das Osterlicht dort aufstrahlen,

wo es noch dunkler ist als irgendwo auf unserer Erde, nein, er verbittet sich ,

die Auferstehung vorwegzunehmen. Aber er lässt zu, dass das Licht dort entzündet wird,

wo die Mächte der Finsternis alle Hoffnung auf Leben erstickt haben:

bei allen, die „ganz unten“ sind ... oder denen, die „weit weg“ bleiben,

die durch alle Raster gefallen sind, die nichts vom Licht der Welt gehört haben oder „begriffen“ haben/ begreifen wollen, denn „so sehr hat Gott alles, alle geliebt“,

dass der Sohn bis zum Aller-allerletzten gehen wollte.

Vollendung gibt es nur, wenn man bis zum Ende geht – aus Liebe. Nur das zählt für Gott.

Im Abgrund der Erbärmlichkeit weht ein Hauch von Barmherzigkeit;

das genügt, um die Tore der Finsternis aus den Angeln zu heben.

Die beiden Kirchenväterlesungen mit ihren „naiven“ Bildern, die an ein Mysterienspiel erinnern, besagen genau das.

Schwestern und Brüder,

heute dürfen wir einen realistischen Blick auf unsere Abgründe werfen:

-auf die unserer falschen Hoffnungen und aller nicht erfüllten Wünsche,

-auf die der enttäuschten Sehnsüchte oder der ungeregelten Neigungen,

-auf alles, was unsere Welt, unsere Geschichte, uns selbst gefangen hält, versklavt, erstickt

und dem Tod weiht.

Alles, was uns vereinsamen und verbittern lässt,

alles, was in dieses Reich des Todes gehört, dürften wir heute getrost begraben

und glaubend bekennen:

„Ein Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“

Seien wir gewiss: Gott beschwert unser Leben nicht mit einem Stein,

er sorgt eher dafür, dass einer seiner Boten unsere Gräber öffnet- .... „am dritten Tag“.

Darauf dürfen wir heute, am Karsamstag voll Vertrauen warten.