Kommentar | Erste Vesper zum 23. So. im JK | Phlm 9b–10.12–17

ERSTE VESPER ZUM SONNTAG AM VORABEND SAMSTAG | 03.09.22

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an Philemon 9b–10.12–17

Lieber Bruder!

9bIch, Paulus, ein alter Mann, jetzt auch Gefangener Christi Jesu, 10ich bitte dich für mein Kind Onesimus, dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin. 12Ich schicke ihn zu dir zurück, ihn, das bedeutet mein Innerstes. 13Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle dient in den Fesseln des Evangeliums. 14Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun. Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein. 15Denn vielleicht wurde er deshalb eine Weile von dir getrennt, damit du ihn für ewig zurückerhältst, 16nicht mehr als Sklaven, sondern als weit mehr: als geliebten Bruder. Das ist er jedenfalls für mich, um wie viel mehr dann für dich, als Mensch und auch vor dem Herrn. 17Wenn du also mit mir Gemeinschaft hast, nimm ihn auf wie mich!

KOMMENTAR (Sr. Marlene FMJ)

Glaube verändert Beziehungen, unter den Titel könnte man diesen Auszug des kürzesten und persönlichsten Briefes Paulus stellen – ich möchte dieses Statement aber auch umdrehen: Beziehungen, und zwar jede einzelne Begegnung, verändern und beeinflussen unseren Glauben. Wenn das nicht mehr der Fall ist, kann es durchaus sein, dass unser Glaube leer und nutzlos geworden ist, wie Paulus an anderer Stelle schreibt.

Und nicht nur über Glaube und Beziehungen schreibt Paulus da... nein, diese Zeilen sind auch bedeutend, weil sie die Ebenen des sozialen Systems sowie die Themen Sklaventum und Freiheit, beobachten, hinterfragen, oder zumindest anfragen: Der Kontext um 55 n. Christus ist nicht mehr derselbe, fast 2000 Jahre danach: Heute können wir mit dem Begriff „Sklave“ vielleicht nicht mehr viel anfangen. Aber auch heute beschäftigen uns diese Themen: auch uns und Menschen in unserem Umfeld kann es zufallen, dass wir, wie der Sklave Onesimus, flüchten wollen oder müssen, vor einem System, das uns zu erdrücken scheint – in Kirche oder Welt, ein System, das misshandelt oder nicht ausreichend gut funktioniert. Vielleicht sind wir konfrontiert mit Unterdrückung, Krieg, ungerechten Arbeitsbedingungen, oder eingeschüchtert durch verschiedene Formen von Mobbing, Bullying, ob in der realen oder der virtuellen Welt.

Wohin flüchten wir? Welche Beziehungen tragen mich, wer ist mir Vater, Mutter, und Bruder, Schwester, Weggefährte in diesen schwierigen Momenten, woher kommt mir Hilfe? Auch das Thema Freiheit begleitet uns in unseren alltäglichen Fragen und Bedingtheiten. Wir alle sind „Freigelassene,, Befreite des Herrn“, wie es im 1.Korintherbrief heißt. Frei aber wozu? Oft werden leider Unterdrückte selber Unterdrücker. Paulus gibt uns hier kein Programm vor, es ist kein Lehrschreiben. Sondern nur durch sein Wort, seine menschliche Zuwendung, sein konkretes Einstehen vollzieht Paulus den Wandel vom Sklaven zum Bruder. In diesen handgeschriebenen Zeilen wird aus einem geflüchteten, weggelaufenen, also verfolgten und der sicheren Strafe entgegengehenden Sklaven, einem Unbekannten, Namenlosen (denn sein Name Onesimus bedeutet einfach „der Nützliche“) sein Kind, dem er, Paulus zum Vater geworden ist, wie er schreibt. Aus dem Kind wird: „mein eigenes Herz, mein Innerstes“. Wir könnten meinen, das wars schon, es gibt doch nichts Höheres, Tieferes, Bedeutenderes.... Und doch kommt noch eine Steigerung: Ein Sklave, sein Kind, sein Innerstes, wird zum Bruder. „Für ewig erhältst du ihn zurück, nicht mehr als Sklaven, sondern als geliebten Bruder.“ Ja, unser Glaube kann Beziehungen verändern. Und jede Beziehung muss unseren Glauben zumindest anfragen.

Neben der persönlichen Ebene dieses Einzelschicksals nimmt uns Paulus auch mit auf eine gemeinschaftliche Reise: Indem Paulus Onesimus, dem ehemaligen Sklaven, diesen wertvollen Brief anvertraut, macht er ihn gleichsam zum Postboten, zu einem Gesandten, einem Apostel für die Gemeinde in Kolossä, der Hauskirche von Philemon, zu der er unterwegs ist. Er hat nun selbst eine Mission, eine Sendung, die Sinn stiftet für sein Leben, seine Existenz.

In konkreten Lebensvollzügen, und wenn wir auf unsere eigene Erfahrung schauen, spüren wir auch in unserer Zeit, dass es nicht allein reicht, in Streitfragen auf „Prinzipien“ zurückzugehen oder gar darauf herumzureiten, sondern dass es immer um persönliche Schicksale, konkrete Menschen, Situationen und Rahmenbedingungen geht. Daher ist der vorliegende Text ein gutes Beispiel dafür, wie beides zusammen gehen kann, nicht als „entweder-oder“, sondern sowohl als auch: sowohl für einen konkreten Menschen, sein gelingendes, freimachendes Leben eintreten, als auch die Gemeinschaft, die Gemeinde als Raum erfahrener Freiheit und christlicher Geschwisterlichkeit immer wieder verwirklichen und lebbar, erlebbar machen.