Kommentar | Erste Vesper zum 25. So. im JK | Am 8,4-7

ERSTE VESPER ZUM SONNTAG AM VORABEND SAMSTAG | 17.09.22

Lesung aus dem Buch Am 8,4-7


KOMMENTAR (Sr. Sarah-Marie FMJ)

Jeder ist sich selbst der Nächste, so klingt es mir aus diesen Versen des Propheten Amos entgegen; von seiner Realität der Ausbeutung der Rechtlosen trennen uns gut 30 Jahrhunderte. Und doch bleibt leider festzuhalten: auch heute ist es das Geld, das die Welt regiert, aus wirklich allem will Profit geschlagen werden, und dafür wird Korruption, Betrug oder schlicht die Ignoranz gegenüber den Folgen des Handelns billigend in Kauf genommen, in einer globalisierten Welt mit ebenso global Leidtragenden.

Natürlich wissen wir, dass nicht alle Menschen so handeln und auch Amos wendet sich hier an eine bestimmte Gruppe: an diejenigen, die den Kontakt zum Heiligen verloren haben, denen freie Tage und Zeiten der Einkehr wie Feste und Sabbat nur noch geschäftsmindernd erscheinen.

Der wahre Sinn dieser freien Zeiten ist verschwunden: sie sind uns gegeben, weil der Mensch in sich selbst einen Wert hat und mehr ist als eine Kostennutzenrechnung. Und zwar jeder Mensch, galt die Einhaltung der Sabbatruhe in Israel doch wirklich für alle im Land, ganz gleich ob Großgrundbesitzer oder Sklave, Israelit oder Fremder.

So treffen wir hier im Kern auf die Frage nach der Würde jedes einzelnen Menschen; eine Würde, die ihm von Gott her zukommt

und die zu schützen uns aufgetragen ist. Ob ich also nur mir selbst die Nächste bin oder ob ich mit offenen Augen anderen als meinen Nächsten begegne, ist meine tagtägliche Wahl.

Dazu muss ich auch nicht materiell reich sein, ich darf einbringen, was ich habe: meine Zuversicht, mein Mitgefühl, eine helfende Hand, ein offenes Ohr, meine Zeit – dies vielleicht eines der kostbarsten Güter unserer Tage.

Gerade in Umbruchszeiten leuchtet dieses eigene Vermögen auf,

auch das zeigt sich gerade deutlich in den vielen großen und kleinen Bewegungen von Nachbarschaftshilfe bis hin zum Ringen um die Bewahrung unserer Welt als guten Lebensort für folgende Generationen.

So mag uns der morgige Sonntag mit seinen Texten dazu einladen, das eigene Verwalten bewusst in den Blick zu nehmen, mit seinen Gefahren und seinem Potential. Denn wenn es am Ende der Lesung heißt: „Der Herr hat geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen“, so kann das als Drohung gehört werden – doch gleichzeitig ist es nicht Gott, der hier richtet, sondern er schaut einfach auf das, was uns zugetraut wird, wofür eine jede und ein jeder verantwortlich ist. So wird er sich, davon bin ich überzeugt, auch mitfreuen, wenn Gutes gelingt und Schlechtes als solches erkannt wird im Versuch, es zum Besseren zu wenden.

Sein Wort begleitet uns und will uns auf dem Weg bestärken. Denn auch das Mitgehen Gottes feiern wir jeden Sonntag neu. Gewiss sind es diesen Sonntag fordernde, klare Töne, aber, so ist mir, es sind Töne, die das Leben wollen, für alle Menschen.