Kommentar zum Dritten Lied vom Gottesknecht | Jesaja 50,4-9a

MITTAGSGEBET | MITTWOCH DER KARWOCHE | 08.04.20

Lesung aus dem Buch Jesaja (50,4-9a)

4Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger.

5Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.

6Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.

7Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.

8Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer wagt es, mit mir zu streiten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.

9aSeht her, Gott, der Herr, wird mir helfen.

Kommentar zur Lesung

Das Hosanna, das den Einzug Jesu in Jerusalem begleitet hatte, klingt vielleicht noch in unseren Herzen nach, als wäre es erst gestern gewesen. Morgen werden es die Psalmen sein, das Große Hallel, das ihn am Ende seines Pascha-Mahls in die Nacht des Ölbergs führen wird (vgl. Mt 26,30).

Heute aber, in dieser seltsamen Zwischenzeit, in der sich alles wie der Herzschlag zu beschleunigen scheint, heute, da seine Stunde noch nicht gekommen ist, aber wo er doch seinem Leiden frei entgegengeht, heute wird uns noch ein anderer Gesang geschenkt. Es ist bereits der dritte.

Das Lied vom leidenden Gottesknecht.

Dieses Lied zeigt uns ein Gesicht. Ein ruhiges und ernstes, ein sanftes und geheimnisvolles Gesicht, das uns den göttlichen Glanz auf dem Antlitz Christi erahnen (2Kor 4,6) und seine Sanftmut erkennen (Weish 2, 19) lässt.

Ein Gesicht, das nichts als liebende Gegenwart ist – als Gottesgegenwart, Gegenwart auf Gott hin: ja, der Einzige, der auf den Vater hin ist, hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen (Joh 1, 1…14)!

… Doch er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm … ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut (Jes 53, 2-3). Einer von uns, Weggefährte in all unserer Hinfälligkeit, der selbst die letzten Abgründe unseres Herzens durchlaufen wollte. Ein verwundetes, armes Gesicht; eines, vor dem man sein Gesicht verhüllt (Jes 53,3) und sich abwendet.

Er aber hat sein Gesicht nicht verborgen. Er wich nicht zurück. Er hat unsere Sünden vor sich hingestellt, unsere geheime Schuld in das Licht seines Angesichts (Ps 90,8), wie der Psalmist bekennt.

Nicht, um uns zurechtzuweisen.

Auch nicht, um uns anzuklagen.

Sondern um unsere äußersten Tiefen von innen her zu kennen, mehr noch, um sie an sich selber aus-zuhalten und sie an seinem eigenen Leib zu heilen. Um die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort, denn, so sagt die Heilige Schrift, in seiner Liebe und seinem Mitleid hat er sie emporgehoben und getragen. Nicht ein Bote oder ein Engel, sondern sein Angesicht hat sie gerettet (Jes 63,9).

Wem Er sein Angesicht zuwendet, braucht sich nicht mehr zu fürchten. Er ist der Freund des Menschen, er ist der Diener der ersten Stunde und des allerletzten Platzes, von dem uns unser Herz leise sagt: „Sucht sein Angesicht!“ – Dein Angesicht, Herr, will ich suchen (Ps 27,8).

In allen unseren Ängsten ist Er der Deus semper maior – der Gott, der immer der Größere ist.

Doch glauben und bekennen wir auch seit seiner Passion, dass Er der Deus semper minor – Gott, der immer Kleinere ist: Gott, der immer mehr als Geringer in unser Geringsein eingeht.

An ihm, Christus, erkennen wir, wohin das Herz Gottes drängt.

Zu den Armen vor Gott, die wir alle bleiben.

Und die er nicht aufhört, seligzupreisen.