ZEITGENÖSSISCHE LESUNG

IM MITTAGSGEBET

Von Franz Kamphaus | Christus der König

Aus: Franz Kamphaus, Lichtblicke. Jahreslesebuch, hg. v. U. Schütz. Freiburg i.Br. u.a. (Herder) 2001

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Mittwoch 25.11.20

Am Anfang des Weges Jesu steht die diabolische Versuchung auf einem sehr hohen Berg. Das Angebot: alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht. Jesus lehnt ab. Am Ende seines Weges, wiederum auf dem Berg, ist ihm alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Ist es dieselbe Macht, die er anfangs ausgeschlagen hat? Sind es dieselben Reiche der Welt, deren Herrschaft er schließlich doch (nur mit einiger Verzögerung) antritt? (…)

Zwischen dem Berg der Versuchung und dem Berg der Erhöhung liegt Golgota. Es ist ein langer Weg, bis bekannt werden kann: Jesus Christus ist der Herr. Er durchmisst die ganze Distanz zwischen Gottesgestalt und Knechtsgestalt, zwischen Gott und dem Tod am Kreuz. Dieser Weg in die Niedrigkeit ist Gottes Weg zur Herrschaft. Der Gekreuzigte ist der Herr. (…)

Die Herrschaft Christi ist von anderer Art als die, die vom Teufel zu holen ist. Die übliche alte Herrschaft erscheint nicht etwa nur in neuem Gewand. (…) Es wird nicht lediglich ein Herrschaftswechsel inszeniert - die bisherige Herrschaftsstruktur wird durchkreuzt! Nur im Namen des Kreuzes kann man von der Autorität Christi sprechen. Die Wunden sind das entscheidende Merkmal, an dem man den zur Herrschaft Erhöhten erkennt. Das von der Lanze durchbohrte Herz gewinnt die Welt. In ihm liegt die Autorität Christi begründet.

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Dienstag 24.11.20

In wenigen Wochen feiern wir Weihnachten. Eine neue Art von Herrschaft kommt in Betlehem zur Welt. Gott regiert nicht – wie man es sich bis dahin vorgestellt hat – mit einem Zepter von oben herab, unnahbar. Er ist ganz dicht an der Seite der Menschen, er lebt mitten unter uns. Das ist riskant, lebensgefährlich. Er zerbricht den Stock des Treibers, indem er sich vor Pilatus den Rohrstock in die gefesselten Hände stecken lässt. (…)

Der Stock des Treibers, der zerbrochen werden soll, sitzt auch in uns: Immer mehr, immer besser, immer schneller, koste es, was es wolle. Ideologien brauchen den Treiber, Programme brauchen den Treiber, Systeme brauchen den Treiber, den Einpeitscher. Nur Gott braucht den Treiber nicht.

Er ist nicht ein Programm geworden, nicht eine Idee, nicht ein System irgendwo in der Ferne, nein, er ist Mensch geworden, ganz dicht bei uns. Verletzlich wie ein Kind, ein Kind, das uns anrührt, uns ans Herz geht und unsere besten Kräfte lockt. Man kann nicht vom Kind in Betlehem sprechen, ohne zu bedenken, welchen Weg Jesus gegangen ist. Er ist sich treu geblieben, entwaffnend in seiner Wehrlosigkeit.

Von Wilfried Hagemann | Freundschaft mit Christus

Aus: Wilfried Hagemann: Freundschaft mit Christus, Verlag Neue Stadt 2012

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Samstag 21.11.20

Die Freundschaft mit führt zu anderen Weggefährten. Wo Liebe echt ist, drängt sie zur Gegenseitigkeit; sie wird zu einem Geben und Nehmen, das untereinander verbindet. Ein jeder, eine jede ist mitverantwortlich für die anderen. Die Liebe fragt wie von selbst: Wie geht es wohl dem anderen? Wer braucht jetzt meine besondere Aufmerksamkeit? Wem kann ich etwas abnehmen? Sie ist auch sensibel dafür, dass jemand am Ende ist oder gar ausgebrannt. Dieser achtsame Blick füreinander ist oft die Rettung in solchen Situationen. Wie gut tut es, einem Menschen zu begegnen, der einfach gibt, der wie selbstverständlich trägt und mitträgt, der sich unprätentiös dem anderen schenkt. Eine solche Liebe hätte man früher als „jungfräulich“ bezeichnet; zu einer solchen Liebe lädt uns Christus ein, ob wir ehelos leben oder verheiratet sind. Die ganz konkrete gegenseitige Liebe ist das Merkmal der Jüngerinnen und Jünger Jesu.

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Freitag, 20.11.20

Wer glaube will, muss den Schritt aus dem Boot seiner Sicherheit heraus tun; ja, er kann sogar aus seinen eigenen Zweifeln „aussteigen“, statt sie absolut zu setzen, sich vom Herrn rufen lassen und sich – auch wenn ihm nicht alles restlos klar geworden ist – vom Herrn an die Hand nehmen lassen.

Glauben als Vertrauen, als freie Tat des Menschen, Glaube als inhaltliche Zustimmung zur Person Jesu Christi, all das kommt ins Spiel, wenn jemand aus einem Boot aussteigt und sagt: Ja, ich glaube an Jesus Christus. Das Bekenntnis gehört hinein in die Freundschaftsgeschichte mit Jesus, und es festigt sie: Wir glauben ihm, wir sind bei ihm, und er ist bei uns.

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Donnerstag, 19.11.20

Gott will uns nicht halbfertig lassen, er will uns ganz, vollendet (nicht im Sinne eines falschen Perfektionismus; es geht um Liebe!). So gibt es Zeiten, in denen Gott an uns arbeitet. Er zieht sich scheinbar zurück, damit wir mehr nach ihm suchen, Hunger und Durst nach ihm bekommen. Solche Zeiten können sehr dunkel sein. Wir kennen viele Zeugnisse, auch von Heiligen, über solche Phasen. Der Mensch fühlt sich verlassen, einsam, unverstanden, vielleicht sogar depressiv, vielleicht gerät er wieder in Sünden und Fehler, die er längst überwunden glaubte. Und er merkt, wie sehr der Herr sein Freund geworden war, wie sehr er von ihm lebte.

Er hat nun Gelegenheit, sich als Jesu Freund, als Freund Gottes zu bewähren, ihm die Treue zu halten und sich ihm auszuliefern, diesem Gott, der diese Dunkelheit zulässt, sein Ja zu sagen und ihn anzubeten. Der Mensch kann jetzt lernen, selbstloser für Gott zu leben, Gott um seiner selbst willen zu lieben – ohne die „Gegenleistung“ der spürbaren Nähe Gottes, ohne das beruhigende Gefühl innerer Zufriedenheit.

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Mittwoch, 18.11.20

Sich im Namen Jesu versammeln und eins sein miteinander gehören zusammen. Die Freundschaft mit Jesus schenkt uns eine neue Mitte, lässt uns zu einer tieferen Einheit zusammenwachsen. Hier bricht sozusagen eine Quelle hervor, in der wir und andere den lebendigen Gott finden können. Die gemeinsame Arbeit und viele andere Gestalten des Zusammenseins können eine unerwartete Tiefe und Kostbarkeit erhalten, wenn Jesus „mit im Spiel ist“: Das Zwischen, die Mitte ist erfüllt von der Präsenz Gottes. Wir spüren, wie sich hier unser Menschsein verwirklicht, eine neue Fülle gewinnt. Das ist nicht „machbar“, aber es ist genau das, wofür wir gemacht sind…

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Dienstag, 17.11.20

Wer […] in der Eucharistiefeier den Leib Christi nimmt und isst, der ist ein Glied, ein Teil am Leib des Herrn; die ganze feiernde Gemeinde wird „Leib Christi“: Durch sie, in ihr ist Jesus gegenwärtig an einem bestimmten Ort und einer bestimmten Zeit: redend, handelnd, liebend, Gutes vom Bösen scheidend, richtend und aufrichtend.

Wenn jemand die Eucharistie mitfeiert, geht er das Risiko ein, dass Gott an ihm handelt: sie zielt darauf, dass wir „ausgeteilt“ werden an die Welt. Die tiefe Freundschaft, die Verbindung mit Jesus kann nicht isoliert gelebt werden – ich und Jesus allein, in einem schönen Idyll, das geht nicht. So wie Gott seinen Sohn dahingab für die Erlösung der Vielen, so mutet er auch uns zu, unser Leben hinzugeben. Auf diese Weise kommt etwas von Gottes Liebe in eine Welt, die ihm gegenüber so oft verschlossen ist. Auch durch uns will er zu den Menschen kommen, in die Schulen, in die Betriebe, in die Krankenhäuser, in zerrüttete Familien, in Kneipen, Diskotheken und Chatrooms…

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Samstag, 14.11.20

Wen wundert es, dass Gott den Weg über das Wort gewählt hat, um sich den Menschen mitzuteilen? Wir haben nicht nur Worte über Gott, etwa eine Lehre über ihn, eine Wissenschaft, die Theologie. Es gibt auch Worte von Gott: Worte der Menschensprache, in denen er sich selbst ausgedrückt hat. Es sind nicht einfach Informationen über sein Werk, über die Welt, die er geschaffen hat, oder Hilfen, um richtig in ihr zu leben. Es sind Worte, in denen Gott dem Menschen sich selbst mitteilt, seine Nähe, seine Liebe. Was Gott uns in unserer Sprache sagt, gibt uns mehr als Informationen. Seine Worte schenken uns etwas von ihm selbst und ermöglichen uns unmittelbar die Freundschaft mit ihm. Wer sein Wort in sich aufnimmt, erfährt etwas sehr Schönes, ja Grandioses: Gott wird sein Freund.

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Donnerstag, 12.11.20

In der Liebe von Mann und Frau meldet sich die Frage nach der ewigen Liebe. Die Menschliche Liebe ist offenbar Abbild einer Ur-Liebe, die der Mensch am Anfang nur ahnt. Er erfährt sich als ein offenes Wesen, als ein fragendes Wesen, das ein Gegenüber braucht.

Auch Mann und Frau, eins geworden in der Liebe, spüren, dass sie ein Gegenüber brauchen. Gerade in der tiefen Gemeinschaft von Freundschaft und Ehe erfahren sich Menschen offen für ein anderes Gegenüber, erfahren sie sich offen für Gott.

Wir suchen eben nicht nur Gefährtinnen oder Gefährten. Wir suchen jemand, der immer mit uns geht, einen Freund, auf den wir uns unbedingt und überall, ja über den Tod hinaus verlassen können.

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Mittwoch, 11.11.20

[Meine Beziehung zu Christus] war eine Beziehung wie zu einem Freund. Ich hatte ihn gern, er war ein wichtiger Bezugspunkt in meinem Leben geworden. Bei vielen Aufgaben überlegte ich, wie er es wohl gemacht hätte. Ich versuchte, die Dinge mit seinen Augen zu sehen. Ich wollte mehr von ihm wissen. Darum las ich, was er geredet und getan hatte. Ich betete zu ihm; ich sprach mit ihm und fasste in Worte, was ich für ihn empfand. Einmal fragte mich jemand, der sich als Atheist bezeichnete, direkt nach Jesus; er war unruhig und hatte seine Zweifel (zweifeln können auch „Nichtglaubende“). Ich konnte für ihn ein „Wegweiser“ werden, nicht wegen meiner Argumente, sondern weil er sah, wie sich eine lebendige Verbindung mit Christus auf das Leben und die Beziehungen zu anderen auswirkt.

Wenn wir mehr von Jesus Christus wissen wollen, müssen wir die fragen, die mit ihm gelebt haben, die Augenzeugen. Das sind die Jüngerinnen und Jünger Jesu, die Apostel, die Märtyrer und Märtyrerinnen. Aber auch heute gibt es „Augenzeugen“: Menschen, deren Leben geprägt ist von der Erfahrung, die sie in der Beziehung mit Jesus machen.

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Dienstag, 10.11.20

Wer […] aus der Freundschaft mit Jesus lebt, wird nicht mehr so an vielen Dingen hängen. Er kann großzügiger mit seinem Besitz umgehen, er tut sich leichter zu teilen. Er wird auch mehr Zeit für andere finden, die seine Hilfe oder Zuwendung brauchen. Er wird in den Menschen das Gute entdecken und die Fehler mittragen. In der Freundschaft mit Jesus zeigt sich ein Weg, im schönsten Sinne „einfacher zu leben“. Wie sie uns hilft, in allem das „eine Notwendige“ (vgl. Lk 10,42) zu tun: das, was jetzt dran ist, in der Verbundenheit mit ihm.

Je tiefer Gott durch Jesus Christus in unser Leben eindringt, desto mehr findet der Mensch Gott, den Bruder, die Schwester und auch sich selbst.

Von Papst Franziskus | Große Christen - Heilige Vorbilder

Aus: divers - Angabe jeweils unter dem Text

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Samstag, 07.11.20

Das Buch der Offenbarung des Johannes ruft ein wesentliches Merkmal der Heiligen in Erinnerung, und es verwendet folgende Worte: sie sind Menschen, die ganz Gott gehören. Es zeigt sie als eine zahllose Schar von »Erwählten« in weißen Gewändern, die mit dem »Siegel Gottes« gekennzeichnet sind (vgl. 7,2-4. 9-14). Durch dieses Detail wird hervorgehoben, dass die Heiligen auf vollkommene und ausschließliche Weise zu Gott gehören, sein Eigentum sind. Und was bedeutet es, das Siegel Gottes in seinem Leben und in seiner Person zu tragen? Wieder sagt es uns der Apostel Johannes: es bedeutet, dass wir in Jesus Christus wirklich zu Kindern Gottes geworden sind (vgl. 1 Joh 3,1-3).

Sind wir uns dieses großen Geschenks bewusst? Wir alle sind Kinder Gottes! Erinnern wir uns daran, dass wir in der Taufe das »Siegel« unseres himmlischen Vaters empfangen haben und seine Kinder geworden sind? Um es einfacher auszudrücken: wir tragen den Nachnamen Gottes, unser Nachname ist Gott, weil wir Kinder Gottes sind. Hier liegt die Wurzel der Berufung zur Heiligkeit! Und die Heiligen, deren wir heute gedenken, sind jene, die in der Gnade ihrer Taufe gelebt haben, die das »Siegel« unversehrt bewahrt haben, indem sie sich wie Kinder Gottes verhalten und versucht haben, Jesus nachzuahmen; und jetzt haben sie das Ziel erreicht, da sie endlich »Gott sehen, wie er ist«.

[http://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2015/documents/papa-francesco_angelus_20151101.html ]

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Freitag, 06.11.20

Was beutetet das: die Gemeinschaft der Heiligen? Es ist die Gemeinschaft, die aus dem Glauben entsteht und alle eint, die durch die Taufe zu Christus gehören. Es handelt sich um eine geistliche Einheit – wir alle sind vereint! –, die durch den Tod nicht gebrochen wird, sondern sich im anderen Leben fortsetzt. Es gibt in der Tat eine unzerstörbare Verbundenheit zwischen uns, die wir in dieser Welt leben, und allen, die die Schwelle des Todes überschritten haben. Wir hier unten auf Erden bilden zusammen mit jenen, die in die Ewigkeit eingegangen sind, eine einzige große Familie. Diese Vertrautheit wie in einer Familie bleibt bestehen. Diese wunderbare Gemeinschaft, diese wunderbare Einheit zwischen Erde und Himmel wird auf höchste und innigste Weise in der Liturgie und vor allem in der Feier der Eucharistie gegenwärtig, welche die tiefste Einheit unter den Gliedern der Kirche zum Ausdruck bringt und verwirklicht.

[ http://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2014/documents/papa-francesco_angelus_20141101.html ]

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Donnerstag, 05.11.20

Die Heiligen geben uns eine Botschaft. Sie sagen uns: vertraut auf den Herrn, denn der Herr enttäuscht nicht! Er enttäuscht nie, er ist ein guter Freund, der immer an unserer Seite ist. Mit ihrem Zeugnis ermutigen die Heiligen uns, keine Angst zu haben, gegen den Strom zu schwimmen oder missverstanden und verlacht zu werden, wenn wir über ihn und das Evangelium sprechen; sie zeigen uns mit ihrem Leben, dass derjenige, der Gott und seinem Wort treu bleibt, bereits auf dieser Erde den Trost seiner Liebe erfährt und dann das »Hundertfache« in der Ewigkeit. Das ist es, was wir hoffen und was wir vom Herrn für unsere verstorbenen Brüder und Schwestern erbeten. In ihrer Weisheit hat die Kirche das Fest Allerheiligen und den Allerseelentag dicht nebeneinander gestellt. Mit unserem Lobpreis Gottes und der Verehrung der Seligen vereint sich die Fürbitte für alle, die uns beim Übergang von dieser Welt zum ewigen Leben vorangegangen sind.

[http://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2013/documents/papa-francesco_angelus_20131101.html]

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Mittwoch, 04.11.20

Heilig sein ist kein Privileg weniger, so als hätte jemand eine große Erbschaft gemacht; wir alle haben mit der Taufe das Erbe, heilig werden zu können. Die Heiligkeit ist eine Berufung für alle. Wir alle sind daher dazu berufen, auf dem Weg der Heiligkeit zu gehen, und dieser Weg hat einen Namen, ein Antlitz: das Antlitz Jesu Christi. Er lehrt uns, heilig zu werden. Im Evangelium zeigt er uns den Weg: die Seligpreisungen (vgl. Mt 5,1-12). Das Himmelreich nämlich ist für alle, die ihre Sicherheit nicht auf die Dinge gründen, sondern auf die Liebe Gottes; für alle, die ein einfaches, demütiges Herz haben, die nicht den Anspruch erheben, gerecht zu sein, und die nicht über die anderen urteilen; für alle, die es verstehen, mit dem Leidenden zu leiden und sich zu freuen mit dem, der froh ist; die nicht gewalttätig sind, sondern barmherzig und sich bemühen, Stifter von Versöhnung und Frieden zu sein. Der Heilige, die Heilige ist Stifter von Versöhnung und Frieden; er hilft den Menschen immer, sich zu versöhnen, und er hilft immer, damit Frieden herrsche. Und so ist die Heiligkeit schön; sie ist ein schöner Weg!

[http://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2013/documents/papa-francesco_angelus_20131101.html]

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Dienstag, 03.11.20

Die Heiligen sind weder Übermenschen noch perfekt zur Welt gekommen. Sie sind wie wir, wie jeder von uns, sie sind Menschen, die, bevor sie die Herrlichkeit des Himmels erlangten, ein normales Leben geführt haben, mit Freuden und Schmerzen, Mühen und Hoffnungen. Was aber hat ihr Leben verändert? Als sie die Liebe Gottes erkannt haben, sind sie ihm mit ganzem Herzen nachgefolgt, bedingungslos und ohne Heuchelei. Sie haben ihr Leben im Dienst an den anderen hingegeben, sie haben Leiden und Feindseligkeiten ertragen, ohne zu hassen und indem sie auf das Böse mit dem Guten geantwortet und Freude und Frieden verbreitet haben. Das ist das Leben der Heiligen: Menschen, die aus Liebe zu Gott ihm in ihrem Leben keine Bedingungen gestellt haben; die Heiligen sind Männer und Frauen, die die Freude im Herzen tragen und sie den anderen weitergeben. Niemals hassen, sondern den anderen, den Bedürftigsten dienen; beten und in der Freude leben; das ist der Weg der Heiligkeit!

[http://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2013/documents/papa-francesco_angelus_20131101.html]

Von Papst Franziskus | Aus der Botschaft zum Weltmissionssonntag: "Hier bin ich, sende mich."

Aus: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-05/papst-franziskus-botschaft-mission-sonntag-wortlautuebersetzung.html

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Samstag, 31.10.20

Verstehen, was Gott uns in diesen Zeiten der Pandemie sagen will, wird zu einer Herausforderung auch für die Mission der Kirche. Die Krankheit, das Leiden, die Angst, die Isolation richten Anfragen an uns. Die Armut desjenigen, der allein stirbt, der sich selbst überlassen ist, der die Arbeit und den Lohn verliert, der kein zu Hause und nichts zu essen hat, werfen Fragen auf. Gerade weil wir dazu verpflichtet sind, körperlichen Abstand zu halten und zu Hause zu bleiben, sind wir eingeladen wiederzuentdecken, dass wir der sozialen Beziehungen bedürfen und auch der gemeinschaftlichen Beziehung zu Gott. Fernab davon, das Misstrauen und die Gleichgültigkeit zu mehren, sollte dieser Zustand uns aufmerksamer für unsere Art und Weise machen, mit den anderen in Beziehung zu treten. Und das Gebet, in dem Gott unser Herz berührt und bewegt, öffnet uns für die Bedürfnisse der Liebe, der Würde, der Freiheit unserer Brüder wie auch für die Sorge um die ganze Schöpfung. Die Unmöglichkeit, uns als Kirche zu versammeln, um die Eucharistie zu feiern, hat uns die Lage vieler christlicher Gemeinschaften teilen lassen, die die Messe nicht jeden Sonntag feiern können. In diesem Zusammenhang wird die Frage, die Gott uns stellt, „Wen soll ich senden?“, erneut an uns gerichtet und erwartet von uns eine neue großzügige und überzeugte Antwort: „Hier bin ich, sende mich“.

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Freitag, 30.10.20

Die Mission ist die freie und bewusste Antwort auf den Ruf Gottes. Aber diesen Ruf können wir nur wahrnehmen, wenn wir eine persönliche Liebesbeziehung mit Jesus pflegen, der in der Kirche lebendig ist. Fragen wir uns: Sind wir bereit, die Gegenwart des Heiligen Geistes in unserem Leben anzunehmen? Sind wir bereit, den Ruf zur Mission zu vernehmen, sowohl im Eheleben als auch auf dem Weg der gottgeweihten Keuschheit oder des Weihepriestertums und überhaupt im gewöhnlichen alltäglichen Leben? Sind wir bereit, überallhin ausgesandt zu werden, um unseren Glauben an Gott, den barmherzigen Vater, zu bezeugen, um das Evangelium des Heils Jesu Christi zu verkünden, um am göttlichen Leben des Heiligen Geistes teilzuhaben und so die Kirche aufzubauen? Sind wir bereit, wie Maria, die Mutter Jesu, vorbehaltlos dem Willen Gottes zu dienen (vgl. Lk 1,38)? Diese innere Bereitschaft ist sehr wichtig, um Gott antworten zu können: „Hier bin ich, Herr, sende mich“ (Jes 6,8). Und dies nicht in einer abstrakten Vorstellung, sondern im Heute der Kirche und der Geschichte.

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Donnerstag, 29.10.20

Gott liebt uns immer als Erster und mit dieser Liebe begegnet er uns und ruft uns. Unsere persönliche Berufung rührt daher, dass wir Söhne und Töchter Gottes in der Kirche sind, seine Familie, Brüder und Schwestern in jener Liebe, die Jesus uns bezeugt hat. Alle aber haben eine menschliche Würde, die auf dem göttlichen Ruf gründet, Kinder Gottes zu sein, im Sakrament der Taufe und der Freiheit des Glaubens das zu werden, was sie von je her im Herzen Gottes sind.

Schon die Tatsache des ohne unser eigenes Zutun empfangenen Lebens stellt eine implizite Einladung dar, in die Dynamik der Selbsthingabe einzutreten: In die Getauften wird ein Same gelegt, der als Liebesantwort reife Gestalt in der Ehe oder der Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen annehmen wird. Das menschliche Leben entspringt der Liebe Gottes, es wächst in der Liebe und strebt zur Liebe hin. Niemand ist von der Liebe Gottes ausgeschlossen.

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Mittwoch, 28.10.20

Im Kreuzesopfer, in dem sich die Sendung Jesu erfüllt (vgl. Joh 19,28-30), offenbart uns Gott, dass seine Liebe jedem und allen gilt (vgl. Joh 19,26-27). Und er bittet uns um die persönliche Sendungsbereitschaft, weil er die Liebe ist, die in beständiger Missionsbewegung immer aus sich herausgeht, um Leben zu geben. Aus Liebe zu den Menschen hat Gott Vater den Sohn Jesus gesandt (vgl. Joh 3,16). Jesus ist der Missionar des Vaters: Seine Person und sein Werk sind gänzlicher Gehorsam zum dem Willen des Vaters (vgl. Joh 4,34; 6,38; 8,12-30; Hebr 10,5-10).

Seinerseits zieht uns der für uns gekreuzigte und auferstandene Jesus in seine Liebesbewegung hinein, mit eben seinem Geist, der die Kirche beseelt; er macht uns zu Jüngern Christi und sendet uns auf Mission in die Welt und zu den Völkern.

»Die Mission und „die Kirche im Aufbruch“ sind nicht ein Programm, ein Vorhaben, das durch Willensanstrengung zu verwirklichen ist. Christus lässt die Kirche aufbrechen. Du bewegst dich in der Mission der Verkündigung des Evangeliums, weil der Geist dich antreibt und führt«

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Dienstag, 27.10.20

»Hier bin ich, sende mich« (Jes 6,8). Es ist die immer neue Antwort auf die Frage des Herrn: »Wen soll ich senden?« Dieser Ruf kommt aus dem Herzen Gottes, aus seiner Barmherzigkeit, der in der gegenwärtigen weltweiten Krise der Pandemie sowohl an die Kirche als auch an die Menschheit ergeht. »Wie die Jünger des Evangeliums wurden wir von einem unerwarteten heftigen Sturm überrascht. Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen. Auf diesem Boot ... befinden wir uns alle. Wie die Jünger, die wie aus einem Munde angsterfüllt rufen: „Wir gehen zugrunde“, so haben auch wir erkannt, dass wir nicht jeder für sich, sondern nur gemeinsam vorankommen«

Wir sind wirklich erschrocken, orientierungslos und verängstigt. Der Schmerz und der Tod lassen uns unsere menschliche Zerbrechlichkeit erfahren; aber zugleich nehmen wir alle in uns eine starke Sehnsucht nach Leben und Befreiung vom Übel wahr.

In diesem Zusammenhang stellt sich der Ruf zur Mission – die Einladung, um der Liebe zu Gott und zum Nächsten willen aus sich selbst hinauszugehen – als Gelegenheit des Teilens, des Dienens, der Fürbitte dar. Die Mission, die Gott jedem anvertraut, führt von einem ängstlichen und verschlossenen zu einem wiedergefundenen und durch die Selbsthingabe erneuerten Ich.

Von David Steindl-Rast | Auf dem Weg der Stille

Aus: D. Steindl-Rast, Auf dem Weg der Stille. Das Heilige im Alltag leben. Freiburg u.a. (Herder) 2016

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Samstag, 25.10.20

Wie kommt in einem Dialog Verstehen zustande?

Ein echter Dialog ist mehr als ein Austausch von Worten: Das „mehr“ besteht aus einem Austausch von Schweigen.

Da kommt dann das Verstehen ins Spiel. Für echtes Verstehen ist es notwendig, dass das Schweigen in mir ins Wort kommt und sich so zum anderen hin austreckt, dass es nicht nur dessen Ohr und Gehirn erreicht, sondern auch dessen Herz, diesen stillen Punkt, den Kern des Schweigens in ihm.

So ist Verstehen eine Kommunikation im Schweigen, mit Schweigen, und zwar im Wort und durch dieses.

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Freitag, 24.10.20

Das Schweigen ist nicht die Abwesenheit von Wort oder Klang. Es wird nicht als Zustand der Abwesenheit charakterisiert, sondern der Präsenz, einer Präsenz, die für Worte zu groß ist. (…)

Jede Begegnung mit dem Geheimnis verbirgt sich im Schweigen.

Im deutschen Begriff „Geheimnis“ steckt das Wort „Heim“: ein Geheimnis behalten wir bei uns daheim, zeigen es nicht öffentlich.

Der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff dafür, „Mysterium“, ist vom Tätigkeitswort myein abgeleitet, das so viel bedeutet wie „still bleiben“ oder „den Mund halten“.

Ein Mysterium, ein Geheimnis ist keine Leere, sondern die unfassbare Präsenz, die uns anrührt und uns sprachlos macht, indem sie uns Sinn erschließt.

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Donnerstag, 23.10.20

Richtig verstanden sind die Sakramente der christlichen Kirchen nicht in sich geschlossene Behältnisse, die göttliche Gnade vermitteln, sondern Brennpunkte des göttlichen Feuers, das jegliches Leben sakramental macht.

Man kann sich zum Beispiel nur schwer jemanden vorstellen, der wirklich ganz das Abendmahl des Herrn versteht, aber es nicht gelernt hat, der Amsel zuzusehen, die einen Regenwurm schnappt, um mit ihm ihre Jungen im Nest zu füttern.

Das universale Gesetz, dass jegliches Leben sich selbst hingeben muss, um neues Leben zu nähren, spiegelt einfach nur das alles übersteigende Geheimnis, dass wir dank Gottes Liebe Leben haben – Gottes Leben -, und dies dank des Sterbens Gottes selbst.

Dieses Geheimnis der Eucharistie rückt ins Zentrum, wann immer eine Gemeinschaft wachen Sinnes und dankbar ein Mahl miteinander teilt.

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Mittwoch, 21.10.20

Unsere lateinische Tradition definiert den Frieden als „Stille der Ordnung“.

Ordnung ist untrennbar mit dem Schweigen verbunden, aber das ist ein dynamisches Schweigen. Die Stille der Ordnung ist also eine dynamische Stille, die Stille einer Flamme, die in vollkommener Ruhe brennt, oder eines Rads, das sich so schnell dreht, dass es stillzustehen scheint.

Schweigen in diesem Sinn ist nicht nur eine Eigenschaft der Umgebung, sondern in erster Linie eine Einstellung, eine Haltung des Hörens. Das ist ein Geschenk, dass jeder von uns eingeladen ist, allen anderen zu machen: das Geschenk des Schweigens. Lasst uns einander Schweigen schenken!

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Dienstag, 20.10.20

Machen Sie folgenden Versuch:

Halten Sie inne und denken Sie nach, bevor Sie morgens die Augen aufschlagen.

Sobald wir einmal unser Augenlicht nicht mehr für selbstverständlich halten, geht uns auf, was für ein Geschenk unsere Augen sind, und dass wir sie bislang noch gar nicht als solches wahrgenommen haben.

Ein Geschenk als solches zu erkennen, ist der erste Schritt zur Dankbarkeit. Da die Dankbarkeit der Schlüssel zur Freude ist, halten wir diesen Schlüssel zur Freude in unseren Händen.

In einer Spiritualität, die sich treu an Jesus Christus hält, ist die Sinnliche Wahrnehmung nichts Fragwürdiges, sondern etwas Heiliges. Ein horchendes Herz erkennt im Pochen der gegen alle unsere Sinne pulsierenden Wirklichkeit den Herzschlag des göttlichen Lebens im Kern alles dessen, was es gibt.

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Samstag, 17.10.20

Alles ist unentgeltlich, alles ein Geschenk. Der Grad, in dem wir für diese Wahrheit aufgewacht sind, ist das Maß unserer Dankbarkeit. Und Dankbarkeit ist das Maß unserer Lebendigkeit. Man kann sie praktizieren, kultivieren, lernen. Sie bringt Freude in unser Leben.

Die Freude fängt jenseits des Glücklichseins an. Freude ist das Glück, das nicht von dem abhängt, was gerade geschieht. Sie entspringt der Dankbarkeit.

Wenn wir anfangen, alles für selbstverständlich zu halten, verfallen wir in Langeweile. Aber alles in uns sehnt sich danach, „Leben zu haben, und es in Fülle zu haben“ (Joh 10,10). Der Schlüssel zum Leben in Fülle ist die Dankbarkeit.

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Freitag, 16.10.20

Der Schlüssel zu einer dritten Innenwelt ist das Tun, das liebevolle Tun. In dieser Art des Betens bin ich mit Gott nicht durch Hören und Antworten und auch nicht durch Eintauchen ins Schweigen in Kontakt, sondern durch Tätigsein. Alles, was ich mit Liebe zu tun vermag, kann zum Gebet des Tätigseins werden.

Es ist zudem gar nicht notwendig, dass ich während der Arbeit oder beim Spielen an Gott denke. Zuweilen dürfte das sowieso kaum möglich sein. Gott wird genau in der liebevollen Aufmerksamkeit anwesend sein, die ich der mir anvertrauten Arbeit zuwende. Indem ich mich voll und liebevoll dieser Arbeit widme, gebe ich mich voll und ganz Gott hin.

Das geschieht nicht nur bei der Arbeit, sondern auch beim Spiel, etwas wenn ich Vögel beobachte. Wenn ich mich in Gott darüber freue, wird sich bestimmt auch Gott in mir darüber freuen. Macht nicht diese Kommunion, diese innige Verbindung das Wesen des Gebets aus?

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Donnerstag, 15.10.20

Eine weitere innere Welt des Gebets ist die, zu der das Schweigen die Tür öffnet – das nicht nur von den Ohren wahrgenommene Schweigen, sondern auch die Stille des Herzens, das lichtvolle innere Stillsein, das der Stille eines windstillen Tages mitten im Winter gleicht. Dieses Schweigen glänzt wie jungfräulicher Schnee im Sonnenlicht. Oder es ist wie das Schweigen zwischen einem aufzuckenden Blitz und dem auf ihn folgenden Donnergrollen, also in der kurzen Zeit, in der man den Atem anhält.

Auf einer Insel in Neuengland fand ich einmal an der Granitküste kleine Gezeitentümpel, in denen das Wasser so still und klar stand, dass ich auf ihrem Grund die feinen, wie festliche Wimpel wehenden Fasern von See-Anemonen sehen konnte. Noch viel durchsichtiger ist der innere Raum, den das Schweigen erschließt.

Den Schlüssel dazu finde ich nicht immer, aber wenn, dann trete ich einfach ein. Schon das bloße Darinsein ist Gebet.

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Mittwoch, 14.10.20

Man kann mehrere Gebetshaltungen unterscheiden.

Den Schlüssel zur ersten dieser inneren Welten nenne ich „Wort“. Damit meine ich nicht ein bestimmtes oder bestimmte Worte, sondern die Entdeckung, dass jedes Ding, jeder Mensch und jeder Umstand ein von Gott an mich gerichtetes Wort ist. Dessen Botschaft begreife ich durchaus nicht immer, aber ich weiß, dass ich sie erfasse, wenn ich mit den Ohren meines Herzens wirklich intensiv darauf höre.

Dieses tiefe, bereitwillige Hören ist wie ein „Gehorsam“. Wir verstehen unter Gehorsam oft nur einen Befehl. Aber damit würden wir Gott zu einer Art von überdrehtem Feldwebel machen, der ständig seine Kommandos brüllt. Meiner Erfahrung nach erteilt Gott die meiste Zeit keine Befehle. Gott singt eher, und ich antworte ihm mit Singen. (…)

Unser Herz ist ein hochempfindlicher Empfänger; es kann mittels aller unserer Sinne horchen. Was immer wir hören, aber auch alles, was wir sehen, schmecken, berühren oder riechen, vibriert im Tiefsten im Einklang mit Gottes Lied. Wenn man in dieses Lied mit Dankbarkeit einstimmt, stellt sich große Freude ein.

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Dienstag, 13.10.20

Es gibt eine negative und eine positive Bedeutung von Stille. Negativ aufgefasst bedeutet Stille die Abwesenheit von Geräusch oder Wort.

Es gibt aber auch eine positive Bedeutung.

Stille ist die Matrix, aus der heraus ein Wort geboren wird, das Heim, zu dem es über das Verstehen zurückkehrt.

Ein Wort (im Gegensatz zur Unterhaltung) bricht die Stille nicht. Im echten Wort kommt die Stille zu Wort. Im wirklichen Verstehen kehrt das Wort heim in die Stille.

Für jene, die lediglich die Welt der Worte kennen, ist Stille bloße Leere.

Unser stilles Herz aber kennt das Paradox: Die Leere der Stille ist unerschöpflich reich; alle Worte dieser Welt sind nur ein Tropfen ihrer Fülle.

Von Antonio Lucci | Askese: Einschränkung und Freiheit

Aus: https://www.feinschwarz.net/askese-einschraenkung-und-freiheit/

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Freitag, 09.10.20

[Die] asketischen Praktiken [können] heute noch wichtige Botschaften für das zeitgenössische Leben vermitteln. Wenn es sich einerseits bei den Corona–Isolationsübungen unbestreitbar um Verzichtsübungen (im Vergleich zum zuvor geführten Leben) handelt, können sie andererseits auch als Chancen verstanden werden: Sie ermöglichen uns, einen gerechteren Umgang mit anderen Menschen zu entwickeln, indem wir durch eine Veränderung unserer Lebensweise die Gesundheit anderer schätzen und schützen können. Darüber hinaus – in einer historischen Zeit wie die unsere, in der die Frage nach dem Klimawandel und dem menschlichen Einfluss auf den Planeten dringender denn je geworden ist – lassen sich ähnliche Beobachtungen auf das individuelle Konsumverhalten anwenden. Eine individuelle „Klima-Askese“ kann bestimmt kein Ersatz für die notwendigen Maßnahmen sein, die auf nationaler und internationaler Ebene ergriffen werden müssen, um dem Klimawandel zu begegnen und um die Schaden zu minimieren. Sie kann uns allerdings lehren, dass selbst individuelle Verhaltensweisen und Lebensstile Resonanzeffekte auf andere Lebewesen haben.

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Donnerstag, 08.10.20

Werden jedoch die Ursprünge des asketischen Phänomens betrachtet, […] so lässt sich vielleicht an eine Askese denken, die nicht unbedingt im Sinne von Verzicht und Leid verstanden werden muss. Die Askese ist aus historischer Sicht ein praktischer Weg zur Weisheit gewesen, den Menschen unterschiedlicher Zeitalter und an verschiedenen Orten eingeschlagen haben, um so frei wie möglich zu leben: frei von künstlichen Bedürfnissen, die mit dem sozialen Druck verbunden sind, gepanzert durch physische und psychische Übungen gegenüber den Widrigkeiten, die das Leben mit sich bringt und in der Hoffnung nicht mehr unter ihnen zu leiden.

Die Botschaft, die uns diese Figuren überliefert haben und die Jahrhunderte später auch heute noch und in einer säkularisierten Gesellschaft für gültig gehalten werden kann, besteht darin, Unterscheiden zu können, zwischen dem, was für das eigene Glück notwendig ist, und dem, was überflüssig ist sowie die Fähigkeit, auf das letzte jederzeit verzichten zu können.

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Mittwoch, 07.10.20

Die erzwungene Isolation wegen des Lockdowns hat oft das Bild von christlichen Mönchen und Nonnen hervorgerufen, die in ihren Zellen eingesperrt sind. Die globale Erfahrung, der das Coronavirus uns in diesem Sinne ausgesetzt hat, ähnelt strukturell die der eremitischen Askese aber sie ist auch zutiefst anders.

Die „Corona-Askese“ ist mit historischen Ereignissen verbunden, die sich von denen maßgeblich unterscheiden, die z.B. die christlichen Mönche und Nonnen in der Spätantike dazu bewegten, sich an Orte fernab der damaligen Zivilisation zurückzuziehen. Aber vor allem ist der Zweck dieses Rückzugs ein anderer. Glückseligkeit, Tugend, Unabhängigkeit, Weisheit und Erlösung waren die Ziele der Übungen der Wüstenmönche und der antiken Asketen im Allgemeinen. Diese Figuren waren sich darüber hinaus bewusst, dass sie auch ein alternatives Lebensmodell zu dem in ihren Gesellschaften vorherrschenden verkörperten.

Dieses Bewusstsein prägte während des Lockdowns unseren Alltag größtenteils nicht: Auch deshalb wurde die „Corona-Askese“ als ein belastender – wenn auch notwendiger – Akt des Verzichts empfunden.

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Dienstag, 06.10.20

Die christliche Religion verortete die Glückseligkeit in einer transzendenten Dimension und beeinflusste damit auch die asketischen Praktiken, die oft noch extremer wurden als z.B. diejenigen der vorchristlichen Antike. Christliche Asket*innen, vor allem die der ersten fünf Jahrhunderte nach Christus, die noch stark von der griechisch-römischen Askese beeinflusst waren, fasteten, zogen sich in die Wüste zurück, verzichteten auf menschliche Gemeinschaft(en). Diese christlich-asketischen Lebensformen haben so stark die westliche Vorstellungswelt beeinflusst, dass sie immer noch unsere Auffassung von Askese auf unauslöschliche Weise prägen.

Ihr Ziel blieb jedoch dasselbe wie jenes der vorchristlichen Asketen*innen: das Erlangen der Glückseligkeit, die in diesem Fall mit dem Heil der Seele, mit der ewigen Seligkeit und mit dem Erreichen des Himmelreiches zusammenfiel.

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Samstag, 03.10.20

Wenn auf der einen Seite die Askese also von ihrer sozialen Dimension untrennbar ist, ist sie auf der anderen Seite immer eine körperlich-bedingte Praxis und daher höchst individuell. Es geht also nicht nur darum, eine Botschaft zu vermitteln, sondern vor allem darum, durch die Übung das eigene Leben zu ändern.

Zu welchem Zweck? Um besser zu leben, als man ohne diese Übungen leben würde.

Oder – anders formuliert – um glücklich zu sein.

Wenn man an die berühmtesten Bilder von Asket*innen denkt, scheint es allerdings schwierig, die Figuren der Wüstenmönche, der indischen Sadhu, der Einsiedler*innen usw. mit dem Begriff des Glücks in Verbindung zu bringen.

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Freitag, 02.10.20

Wenn die Antwort auf die Frage „Was ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Askese?“ relativ einfach ist, d.h. „eine fortlaufende Übung zur Perfektionierung“, scheint diejenige auf eine zweite, genauso wichtige Frage, komplizierter zu sein: „Wozu Askese?“.

Wie die zuvor erwähnten Beispiele der Künstler*innen und der Sportler*innen zeigen, können die Ziele eines „asketischen“ Trainings auch sehr unterschiedlich sein: Die Beherrschung einer Kunst und das Erlangen von Geschicklichkeit in einer körperlichen Übung sind offensichtlich zwei sehr unterschiedliche Praktiken.

Zusätzlich zu dem oben erwähnten Aspekt der Übung ist das gemeinsame Merkmal dieser scheinbar so unterschiedlichen Aktivitäten – was der rote Faden aller asketischen Praktiken ist – ihre Verortet-Sein zwischen Subjekt und Gemeinschaft: Asket*innen praktizieren, verändern ihren Körper und folglich auch ihren Geist immer in Bezug auf eine bestimmte, konkrete Lage, in der sie sich befinden und zu der sie durch ihre Übungen eine bestimmte Art von Beziehung aufbauen. Kurz zusammengefasst: Die Askese ist immer eine soziale Praxis und sie wird daher von der historischen und sozialen Lage beeinflusst, in der sie stattfindet. Die Asket*innen zeigten bereits in der Antike ihren Körper, ihre Übungen, selbst die extremsten, um eine Botschaft zu vermitteln, die in ihrer Einfachheit revolutionäre Züge trug: Diese Welt ist falsch und deswegen ist es notwendig, anders zu leben.

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Mittwoch, 30.09.20

In der Regel evoziert die Verwendung des Begriffes „Askese“ Bilder religiöser Natur. Die erste Assoziation wird bestimmt nicht mit Künstler*innen oder Sportler*innen verbunden. Allerdings waren gerade Kunst und Sport in der griechischen Antike die Bereiche, in denen das Verb askeo verwendet wurde: Am Anfang bedeutete Askese einfach nur „Übung zur Perfektion“ und bezeichnete die Arbeit besonders begabter Handwerker*innen, die in der Lage waren, einen Gegenstand mit Geschick zu bearbeiten. ‚Askese‘ hatte mit manuellen Fertigkeiten zu tun, die durch Arbeit und Erfahrung erlangt wurden.

Ursprünglich waren demnach Asket*innen also Künstler*innen und Sportler*innen: Personen, die tagtäglich eine körperliche oder handwerkliche Übung praktizierten, die sich anstrengten, um eine Perfektion zu erreichen und nicht unbedingt Personen, die in einem religiösen Kontext Einsamkeit, Keuschheit und freiwillige Armut übten und predigten. Erst in einer späteren historischen Phase wurde das Wort auch für die Beschreibung religiöser Praktiken verwendet, und erst mit dem Aufkommen des Christentums wird diese religiöse Bedeutung die vorherrschende werden.

Von Henri Nouwen | Das Gebet ins Leben nehmen

Aus: Henri Nouwen, Dem vertrauen, der mich hält. Das Gebet ins Leben nehmen. Freiburg 2003

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Mittwoch, 23.09.20


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Dienstag, 22.09.20

Die Einladung zu einem Leben des Gebets ist eine Einladung, mitten in dieser Welt zu leben, ohne sich im Netz der Verwundungen und Nöte zu verfangen. Das Wort „Gebet" steht für eine radikale Unterbrechung der unseligen Kette ineinander greifender, zu Gewalt und Krieg führender Abhängigkeiten und für ein Betreten eines vollkommen neuen Lebensraumes. Es verweist auf eine neue Weise des Sprechens, des Atmens, des Zusammenseins, des Erkennens, ja, es zielt auf eine grundlegend neue Lebensweise hin ...

Das Gebet bedeutet das Ausziehen aus der Wohnung derer, die den Frieden hassen, und das Einziehen in das Haus Gottes ... Das Gebet ist die Mitte christlichen Lebens. Es ist das allein Notwendige (vgl. Lk 10,42). Es ist Leben mit Gott hier und jetzt.

Von Walter Flemmer | Jeder braucht seine Wüste

Aus: Walter Flemmer; Jeder braucht seine Wüste

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Samstag, 19.09.20

Thomas Merton sagte einst: „In der Vorstellungswert der Wüstenväter hatte Gott, als Er die Wüste schuf, diese mit einem kostbaren Wert beschenkt. Dieser Wert kann allein mit den Augen des Schöpfers betrachtet werden, da die Einöde für den Menschen den Inbegriff der Wertlosigkeit darstellt. Die Wüste war ein Land, an dem sich menschliche Nutzbarmachung niemals vergreifen konnte.“

Immer wieder kannst du in die Wüste gehen. Immer wieder, vielleicht nur für Minuten oder für eine Stunde eine Pause machen, loslassen von allem, was dich gefangen hält. In die Wüste zu gehen bedeutet, sich zu entschließen, Verzicht für eine begrenzte Zeit auszuüben, auszusteigen aus dem Getriebe des Berufs, der Umwelt, ja auch der Familie. Die Wüste als Ort der Sammlung, der Hingabe, ja des Ausgesetztseins ist überall zu finden, wenn dazu die Bereitschaft besteht.

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Freitag, 18.09.20

Wüste hat im allgemeinen Sprachgebrauch immer auch das Leere, das Bedrohliche, Ausgelieferte bedeutet. Ausgeliefert zu sein in einer hoffnungslosen Situation, ausgeliefert sein an die Elemente, das hat sich immer wieder mit dem Wort Wüste verbunden.

Und so hat das Wort Wüste auch im übertragenen Sinn Eingang in das menschliche Innenleben gefunden.

Fontane hat von „wüster Schicksalslaune“ gesprochen.

Auch das Seelenleben, die Empfindungen können verwüstet sein.

Ausgeliefert zu sein an eine unbarmherzige Wüste, so empfindet derjenige, dem die Bindungen zu anderen Menschen zerrissen sind, derjenige, der enttäuscht wurde. Es kann einem wüst und angst werden.

Die Suche nach Lösungen gleicht der Suche nach einer Wasserstelle, nach einer Oase in der Sandwüste. In der Wüste kann man sich verlaufen, die Orientierung verlieren, überall die gleichen Sanddünen, keine Wegweiser, keine Anhaltspunkte.

Aber in allen Wüsten, auch in den inneren, brauchen Menschen Wegwesier, Kundige, die wissen in welche Richtung man gehen muss. Immer wieder müssen wir an die Hand genommen werden und herausgeführt werden in die Freiheit.

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Donnerstag, 17.09.20

In der Wüste scheint die Zeit still zu stehen. Die Zeitlosigkeit der Wüste, das bewusste Sich-Entfernen aus der Hetze der Zeit, ist die Chance, sich nicht ablenken zu lassen vom Wechsel.

Die Wüste fordert dazu heraus, diesen Alltagslärm abzustellen. Er wäre hinderlich auf dem Weg zu sich selbst, den der eingeschlagen hat, der sich zum Wüstengang entschlossen hat.

Der Kirchenvater Gregor von Nyssa sagt: "Wer in sich selber schaut, sieht in sich das Ersehnte."

Dazu ist es nötig, aus dem Jetzt herauszugehen. Nur wer wenigstens für Augenblicke das hektische Jetzt verlässt, kann den Eingang zum Hineinschauen in sich finden.

Mose wuchs zu sich selbst, als er sich in der Wüste aufhielt, und so vermochte er es, sein Volk aus der Wüste herauszuführen. Wer in der Welt der fordernden, anspornenden Geräusche leben muss, braucht die Minuten des Schweigens, um nicht unterzugehen in den Strudeln des Getöses.

Das Innehalten in der Wüste ist Zeichen für die Notwendigkeit, still zu werden.

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Mittwoch, 16.09.20

In die Wüste gehen. Wüste, ein Wort, das eine magische Dimension entwickelt,

die Versprechung, für einige Zeit den Geschäften des Tages entkommen zu können, unerreichbar für Telefongespräche, für die gewohnte elektronische Kommunikation,

für die man scheinbar in jedem Winkel der Erde anklickbar sein muss.

Alles scheint in der Wüste zu Ende, leer zu sein. Wer in die Wüste geht verzichtet auf den lauten Wechsel des Lebens. Er nimmt Abschied. Er wendet sich ab von Luxus und Überfluss, von allem nicht Notwendigen und Bequemen. Wie Wüste ist unbequem.

Die Landschaft der Wüste macht den Menschen offen. In der Offenheit der Dünen,

bis hin zum Horizont, ist der Einzelne auf sich selbst zurückgewiesen. Alles ist klar, eindeutig, unverstellt. Vielleicht wird erst in der Wüste das Alleinsein möglich. In der Wüste

als dem wirklichen und dem vorstellbaren Ort, an dem nichts mehr ablenkt,

nichts mehr den Blick verstellt.

Wüste, das ist das Heraustreten aus dem Gewohnten, das Sich-selbst-Aussetzen,

das Offenwerden, Entgrenzen. Das Alleinsein ist nicht bedrückende Einsamkeit,

sondern notwendiges Zurückfinden zur eigenen Kraft.

Nur in der Stille kann die Seele Gott erkennen.

Von Kardinal Martini | Marias 'Ja' im Schmerz

Aus: Carlo M. Martini; Seht die Frau. Lebenswege mit Maria, S. 126.133.

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Dienstag, 15.09.20

Gleich nach dem Fest der Kreuzerhöhung lässt uns die Liturgie der Schmerzen Mariens gedenken.

Wir können das Geheimnis des Schweigens Mariä gegenüber dem Schmerz nur im Gebet erahnen.

Maria ist da ganz anders als wir und zugleich macht sie uns Mut. Sie scheint uns zu sagen:

Tu nur, womit du eben beschäftigt bist, schreib, wenn du schreiben musst; melde dich, wenn dein Telefon klingelt; wenn dich jemand sprechen will, so lass ihn vor; bau keine Luftschlösser, denn das führt zu nichts.

Maria gibt uns den unbezahlbaren Wink, bei der augenblicklichen Aufgabe zu bleiben, ohne uns mit der Vergangenheit aufzuhalten oder in Zukunftsgedanken auszuweichen.

Maria, wie oft bleibt uns etwas unbegreiflich! Lass die Demut und die Duldsamkeit, mit der du das Unbegreifliche ertragen hast, unserer Unduldsamkeit, unserem Stolz und hier und da auch unserem Hochmut zu Hilfe kommen, wenn wir etwas nicht begreifen. Heile mit deiner Sanftmut und Beharrlichkeit und deinem geduldigen Schweigen das Aufbegehren, mit dem wir oft unser Leben betrachten. Lass uns dein „Ja“ mitsprechen, das auch im schmerzlichsten Dunkel und im Leid des Nichtbegreifens bis hin zum Kreuz und zur Auferstehung ein Ja bleibt.

Von Peet van Breemen | Zur Liebe geschaffen

Aus: P. van Breemen, „Der Mensch ist geschaffen ...“ Eine befreiende Wahrheit über den Menschen, in: GuL 51/1 (1978) n. 260, 1-10

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Samstag, 12.09.20

Schöpfung meint, dass wir aus der Liebe Gottes hervorgehen. Von Ewigkeit her hat Gott mich gewollt, und sein Verlangen wurde so stark, dass ich eines Tages zur Existenz kam. Wir waren angenommen, ehe wir noch ins Leben traten. (…)

Im Glauben erfahren wir, dass wir von Gott geliebt werden mit einer schöpferischen, zuverlässigen, innigen, ehrfürchtigen, einzigartigen und persönlichen Liebe. Gott liebt mich, so wie ich bin. Er ruft mich bei meinem Namen. Er sorgt sich um mich und versteht mich.

Er kennt meine Freuden und Enttäuschungen, meine Schwäche und meine Stärke. Er weiß um meine Erwartungen und meine Erinnerungen. Er kennt mich durch und durch, denn er hat mich im Schoß meiner Mutter gebildet. Er sieht mich, ob ich lache oder weine, gesund oder krank bin. Er hört meine Stimme, meinen Herzschlag, meinen Atem. Ich kann mich selbst nicht mehr lieben, als er es tut. (…)

Der hl. Augustinus sagt, dass Gott vertrauter mit mir ist, als ich es mit mir selbst bin. Glaube ist das Innewerden dieser Vertrautheit.

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Freitag, 11.09.20

Was jeder Mensch ersehnt und braucht, fast noch mehr als Essen und Trinken, ist Bejahung und Liebe. Gott ist die letzte Erfüllung dieses Bedürfnisses. An seine Liebe sind keinerlei Bedingungen gebunden. Sie ist rein und selbstlos.

Dies schließt ein, dass die Liebe Gottes nicht durch die Zeit begrenzt ist, sondern ewig währt. Seine Liebe hängt nicht von den Umständen ab, sondern ist zuverlässiger als ein massiver Felsen. Sein Annehmen geht bis zum äußersten, bis zum tiefsten Grund unseres Seins. Er liebt uns nicht wegen irgendwelcher Qualitäten oder Tätigkeiten, sondern nimmt uns so, wie wir sind.

Seine Liebe gründet auf nichts. Sie ist die vollkommene Überraschung, der elementare Ursprung. Sie setzt nichts voraus, aber bildet die Grundlage für alles, was wir sind, können und haben. Seine Liebe ist schöpferisch. (…)

Sie bildet den unerschöpflichen Urgrund und die unerschütterliche Rechtfertigung meiner Existenz. Sie ist die letzte Antwort auf das Suchen aller Menschen.

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Donnerstag, 10.09.20

Wie lässt sich heute die „Sünde“ verstehen?

Sie könnte verstanden werden als eine Weigerung, sich lieben zu lassen. Es kann hilfreich sein, die beiden Ebenen zu unterscheiden, auf denen sie sich vollzieht. Die erste fällt schnell ins Auge: hier finden wir konkrete sündige Taten wie Verleumdung, Betrug, Diebstahl usw. Diese konkreten Sünden sind aber nur das Ergebnis der Sünde der tieferen Ebene, die im Abschirmen seiner selbst gegen die schöpferische Liebe Gottes besteht.

Man kann sagen, dass alle Sünden auf der konkreten Ebene Versuche sind, eine Lücke in unserem Leben zu schließen. Von der tieferen Ebene her können wir verstehen, dass die Lücke gar nicht da sein brauchte.

Es geht nicht nur um ein moralisches Problem, sondern eher um eine tief-greifende, falsche Lebensausrichtung, in der die Liebe nicht das Innerste unseres Herzens erfüllt.

Eine Pflanze kann nicht anders, als sich immer der Sonne zuzuwenden, weil sie ohne Sonnenlicht nicht wachsen kann. Aber wir können entscheiden, ob wir uns vom Licht der Liebe Gottes abwenden und dadurch unfruchtbar werden oder ob wir uns diesem Licht zuwenden wollen und dadurch Leben und Fruchtbarkeit von ihm empfangen.

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Mittwoch, 09.09.20

Leben in Übereinstimmung mit sich selbst und mit Gott - mit sich selbst, weil mit Gott - können wir das heute noch so? Diese Frage ist begründet. Manche Begriffe, die für die Christen in der Vergangenheit ausdrucksstark und lebendig waren, sind für die heutige Generation leer geworden. Sie rufen nur Langeweile, wenn nicht sogar Widerwillen hervor. (…)

Selten begegnen wir einem Menschen, der sich - im wahrsten Sinn des Wortes - wirklich liebt oder der es gelernt hat, sich so anzunehmen, wie er ist, mit einer ehrlichen Güte zu sich selbst. (…)

Wenn ein Mensch sich nicht wirklich geliebt weiß, dann bekommen andere Dinge eine enorme Wichtigkeit in seinem Leben: Neigungen und Abneigungen, Genuss, Besitz, Arbeit, gesellschaftliche Stellung, Einfluss und eine Menge anderer Ersatzmittel. (…)

Liebe und nur Liebe kann die Rechtfertigung für unser Leben sein. Wenn mich jemand wirklich liebt, dann erfahre ich mein Leben als lohnend. Wenn ich jemanden liebe, verhält es sich ebenso, mein Leben tut sich auf. (…)

Auf dieser existentiellen Ebene kann die Botschaft unseres Glaubens vermittelt werden ohne Intellektualismus, Gefühlsseligkeit, oder psychologische Ideologien. Sie kann dann ausgeweitet werden als die Antwort auf die tiefsten Fragen des menschlichen Herzens.

Von Heinrich Spaemann | Maria, Mutter im Glauben

Aus: H. Spaemann, Er ist dein Licht. Meditationen für jeden Tag. Jahreslesebuch. Freiburg u.a. (Herder) 1992, 149.

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Dienstag, 08.09.20

Was wir zuinnerst im Auge haben, das formt uns, das prägt uns. Wir werden, was wir schauen. Im gläubigen Hinblick auf Jesus wird Maria ihm von Jahr zu Jahr ähnlicher. Wie er ihr ähnlich ist durch die Geburt, so wird sie ihm ähnlich als dem Sohn Gottes. (...)

Wie wir gesehen werden von einem geliebten und uns liebenden Menschen, das hat entscheidende Bedeutung für die Entfaltung unseres innersten Wesens. Der Liebende sieht den anderen auf sein Eigentliches und Schönstes hin.

Für Maria waren die Nazareth-Jahre Vorbereitung für die Vollendung zu der Gleichförmigkeit mit Jesus. Dreißig Jahre verwandte Jesus darauf, ihr Herz und ihr Wesen für das kommende Reich Gottes zu weiten und damit für die Fragen, Nöte, Leiden, Ängste und Hoffnungen der Armen aller Völker, die Gottes Angesicht und Gottes Erbarmen suchen.

Jesus wollte Maria am Kommen des Reiches Gottes beteiligen können - als Fürbitterin, als Trösterin, als Geduld und Zuversicht Weckende.

Von Peet van Breemen | Leistung und Fruchtbarkeit

Aus: P. van Breemen, Leistung und Fruchtbarkeit. In: GuL 67 (1994), 294−298

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Samstag, 05.09.20

Unser himmlischer Vater weiß, dass wir Nahrung und Kleidung brauchen; und nicht nur das, sondern auch Geborgenheit, Gemeinschaft, Bestätigung, Erfolg, Erfüllung, Herzlichkeit und Liebe. Wir müssen uns um „das alles“ kümmern und dafür planen und wirken. Aber wir sollen es nicht ängstlich suchen. Der Kern des Bundes war immer, dass wir Gott suchen mit ganzem Herzen und mit allen Kräften; und dass Gott für uns sorgt. Es ist ein Austausch der Schwerpunkte.

Die Fruchtbarkeit im Reich Gottes ist oft nicht messbar und lässt sich meistens nicht vorzeigen. Sie bleibt nur zugänglich für den Vater, „der auch das Verborgene sieht“. Sie gibt dem die Ehre, „der wachsen lässt“. Leistung dagegen kann vorgezeigt werden und unsere eigene Ehre fördern. Sie ist stark am Messen und Vergleichen orientiert. Die Spiritualität der Fruchtbarkeit kann uns von diesem Druck befreien und unser Verständnis von dem, was wirklich bedeutsam ist, erweitern.

Es gibt in der Kirche Menschen, die viel leisten, aber wenig Frucht bringen; und umgekehrt gibt es auch Menschen, die wenig leisten, aber sehr fruchtbar sind.

Die Leistung nimmt auf die Dauer ab. Die Fruchtbarkeit demgegenüber bleibt und nimmt vielleicht sogar noch zu. Die Psalmen besingen solche Menschen voll Freude: „Gepflanzt im Haus des Herrn, gedeihen sie in den Vorhöfen unseres Gottes. Sie tragen Frucht noch im Alter und bleiben voll Saft und Frische“ (Ps 92,15).

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Freitag, 04.09.20

Es gibt in jedem Menschen das Urverlangen, zweckfrei bejaht und geliebt zu werden. Wenn wir nur wegen unserer Leistung geschätzt werden, verletzt uns das im Tiefsten. Zwar suchen wir auf der einen Seite Anerkennung durch Leistung, auf der anderen Seite tut es uns aber weh, wenn die anderen uns nur brauchen, weil wir gut „schuften“ können. Wir spüren, wie wir dann reduziert werden. Wir sind mehr als die Leistung, die wir bringen können. Wer selber seinen Selbstwert zu stark aus der Leistung schöpft, kommt früher oder später in eine Krise.

Fruchtbarkeit geschieht immer in der Weise des Weizenkorns, das in die Erde fällt und stirbt und nur so Frucht bringen kann (Joh 12,24). Sicher, auch die Leistung fordert Opfer, aber für die unzeitgemäße Botschaft, sich selbst zu verlieren, wirbt nicht die Leistungsgesellschaft. Diese Wahrheit ist ihr zu tiefst zuwider. Das Evangelium demgegenüber lehrt uns unverblümt, dass wir unser Leben um Christi willen verlieren müssen, um es zu gewinnen.

Fruchtbarkeit setzt Beziehung voraus. Der fruchtbare Mensch lebt aus der Gnade der Beziehung und weiß sehr wohl, dass ihm das Eigentliche geschenkt wird.

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Donnerstag, 03.09.20

Die Leistungsmentalität würgt das kontemplative Element in unserem Leben ab. Ergebnis und Erfolg beherrschen einen Menschen so sehr, dass Gott nicht mehr in der Mitte steht. In der Fruchtbarkeit dagegen kann unsere Aktivität ein heiliger Ort sein, wo wir nicht unsere eigene Ehre, Erfüllung und Bestätigung in die Mitte rücken, sondern wo wir Gott präsent und wirksam sein lassen.

Unsere Tätigkeit wird dann echter Dienst, selbstlos und transparent. Hier liegt der springende Punkt für das „aktiv und zugleich kontemplativ-sein“:

Fruchtbarkeit geschieht in einer Haltung der Unentgeltlichkeit. „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8).

Nicht nur unsere Begabung und Talente, sondern unser ganzes Leben ist eine freie Gabe Gottes. Wir müssen unsere Existenzberechtigung gar nicht durch unsere Leistungen verdienen. Wir müssen auch nicht um jeden Preis bedeutsam sein.

Unentgeltlichkeit ist eine lebensnahe Art, zu zeigen, dass unser Leben ein reines Geschenk ohne Berechnung ist.

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Mittwoch, 02.09.20

In der Fruchtbarkeit bleibt Raum für das Geheimnis, das wir nicht durch-schauen, sondern dem wir uns anvertrauen. Wir lassen es sich entfalten, wir lassen es geschehen. Wir sind aufmerksam und engagiert, aber auch entspannt und voller Zuversicht.

Jesus schildert diese Haltung im schönen Gleichnis vom Landmann, der schläft und wieder aufsteht, während inzwischen der Same keimt und wächst, „und der Mann weiß nicht, wie“ (Mk 4,26-29).

Bei der Leistung hingegen will man alle Fäden in der Hand und alles im Griff haben … Das Geheimnis wird so weit als möglich ausgeklammert. Es ist wichtig, alles zu beherrschen. Das bringt Spannung und Stress.

„Ich kann mir keinen schwachen Augenblick erlauben“, sagte jemand, „sonst geht etwas schief.“ Offensichtlich hatte er noch nicht entdeckt, dass schon etwas ganz Lebenswichtiges schiefgegangen war in dieser verkrampften Haltung.

Leistung geht oft auf Kosten der Natur. Fruchtbarkeit dagegen ist gesund und natürlich. Sie entspricht den Gesetzen der Natur und achtet auf die Würde eines jeden Geschöpfs.

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Dienstag, 01.09.20

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15,16). Das ist unsere Sendung: nicht irgendeine Frucht zu bringen, sondern Frucht, die bleibt. Jesus beschreibt das Reich Gottes immer wieder in Bildern der Fruchtbarkeit. Das Gleichnis vom Weinstock und den Reben zeigt sehr klar, wie die Fruchtbarkeit wesentlich von der Verbindung der Rebzweige mit dem Stamm abhängt.

Wir meinen, das zu verstehen. Es leuchtet ja ein. Fruchtbarkeit bedeutet: etwas werden lassen, produktiv sein, Nutzen bringen. Das Gegenteil ist uns auch klar: eine Rebe, die keine Frucht trägt, ist unproduktiv und nutzlos, muss also beseitigt werden. Ohne es zu merken, deuten wir dann aber die biblische Botschaft im Sinne der Leistungsgesellschaft, und damit verfehlen wir gerade den Kern der Frohbotschaft. (…)

Die Leistungen sind die Norm, nach der wir andere und uns selbst einschätzen. Wir sind dazu erzogen worden, uns immer wieder die Frage zu stellen: „Was leiste ich?“

Die Grenzlinie zwischen Fruchtbarkeit und Leistung ist nur sehr dünn. Sowohl die Fruchtbarkeit als auch die Leistung erfordern Einsatz, Anstrengung, Disziplin und Geduld. Beide kosten etwas. Es ist wichtig, genau hinzuschauen.

Von Joachim Wanke | Gott ist größer, als wir glauben

Aus: J. Wanke, Gott ist größer als wir glauben. Ermutigungen für Christen. Leipzig 2003.

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Dienstag, 28.07.20

Christen glauben, dass wir „mit dem Himmel beschenkt" sind. Das hat etwas mit unserem Leben zu tun. Es heißt, dass mich Gottes Liebe und Treue schon hier und jetzt tragen auch wenn ich das oft gefühlsmäßig nicht spüre. Aber ich merke, wie dieser Glaube sich bei mir auswirkt. Er macht mich frei von Lebensstress. Denn, zugespitzt gesagt: Stress ist Unglaube. Wer sich unter Lebensstress setzen lässt, zeigt, dass er den Himmel über sich vergessen hat.

Lebensstress entsteht, wenn ich sagen muss: Es kommt allein auf mich an, auf meine Kräfte, auf mein Durchhalten. Ich sehe nichts anderes — als mich selbst, weder den Himmel über mir, noch den Himmel neben mir, den mir Gott in Gestalt guter Menschen und kleiner Alltagswunder immer wieder eröffnet.

„Mit dem Himmel beschenkt" ist einer, der inmitten des Alltagsstresses Gelassenheit und Zuversicht bewahren kann. Nicht ich rette die Welt, sondern da ist ein anderer, der den guten Ausgang aller Dinge, auch meines Lebens, schenkt.


Von Kardinal Martini | Pilger sein

Aus: Carlo M. Martini; Der Pilger weiß, wohin er geht. Unterwegs mit Josef aus Ägypten und Ignatius von Loyola, Herder 1993.

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Samstag, 25.07.20

Der Pilger lebt in Gemeinschaft.

Viele Menschen träumen von der vollkommenen Gemeinschaft und jammern über die konkrete, in der sie leben. Diese Träume sind ein Zeugnis dafür, dass wir alle unser Bedürfnis nach Gemeinschaft spüren, denn dazu sind wir als Menschen berufen.

Wir sind zur Gemeinschaft berufen, weil Gott der Dreieine ist. Keiner kann der Liebe Gottes ganz entsprechen und wirklich lieben, wenn er nicht dieses trinitarische Leben nachahmt.

Es ist notwendig, dass wir unsere Träume in große und starke Wünsche umwandeln, damit die Gemeinschaft wachsen kann. Die Träume bewirken, dass wir uns in uns selbst zurückziehen oder nur noch Kritik üben; die Wünsche dagegen öffnen unser Herz, wecken neue Ideen in uns, regen uns zu Initiativen an, machen uns kreativ und drängen uns dazu zu helfen und mitzuarbeiten.

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Freitag, 24.07.20

Der Pilger findet sich eines Tages auf seinem Weg als Gefangener.

Im Gefängnis ist der Mensch ganz er selber. Hier fallen alle Schleier und Masken, alle guten und alle bösen Anlagen im Menschen werden in dieser eigenen kleinen Welt, diesem Mikrokosmos bloßgelegt.

Auch wenn es uns nie passieren wird, dass wir eingesperrt werden, kann das Gefängnis als ein Symbol gelten, weil wir alle diese Erfahrung der Beschränkung unserer Freiheit machen, die typisch ist für die Gefangenen.

Zum Beispiel ist die Krankheit eine Art Gefängnis: Wenn die Kräfte nachlassen, der Körper schwächer wird und die Pläne uns aus der Hand gleiten. Eine weitere Erfahrung der Begrenzung unserer Freiheit kann sich zeigen, wenn wir in der Zusammenarbeit mit anderen uns nicht auszudrücken vermögen.

Es ist von großer Bedeutung, dass wir uns die Frage stellen, wie wir unter diesen Bedingungen reagieren.

Glauben wir, dass sie zu unserem Weg als Pilger dazugehören? Dass sie uns als Läuterung dienen? Bringen wir die Grenzen, die wir erfahren und unsere Unfähigkeit sie anzugehen, im Gebet vor Gott?

Oder spüren wir im Gegenteil nur Unzufriedenheit, Bitterkeit und Abwehr?

Oft umgehen wir es, darüber nachzudenken, was in uns und in den anderen vorgeht und versuchen gar nicht, das Handeln Gottes zu erspüren, das uns auf allen Schritten unseres Pilgerweges bildet und formt.

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Donnerstag, 23.07.20

Glauben haben bedeutet, darauf zu vertrauen, dass Gott immer um uns besorgt ist, in jedem Augenblick, auch wenn es uns manchmal nicht so erscheint. Ungläubig zu sein, heißt zu denken, dass der Herr uns in schwierigen Situationen nicht begegnet, uns nicht hilft und hier beginnt das Murren. Die Israeliten meinten nicht gut im Kämpfen zu sein und bald von den anderen Völkern geschlagen zu werden. Aber Gott will, dass sie den Sieg anders als in menschlichen Vorstellungen verstehen, dass sie sich ihm blind überlassen und ihm vertrauen. Glauben heißt im Grunde: sich wie ein Kind Gott anheimgeben, der im Kreuz Christi schon gesiegt hat.

Nur so können unsere Wünsche gereinigt werden, und nur so kann unser Herz frei werden von Angst.

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Mittwoch, 22.07.20

Ein Pilger weiß, wohin er geht, er vertraut ganz auf Gott, und darum nimmt er die Risiken der Reise auf sich. Der Pilger sieht von ferne, er glaubt an die Verheißung und hegt eine Liebe zu dem Ort auf den er zugeht.

Wir können unser Leben anschauen und uns fragen:

Halte ich mich für einen Pilger? Bin ich ehrlich auf der Suche nach dem Willen Gottes? Befinde ich mich im Zustand des Friedens und des Trostes, der dem zu eigen ist, der den Weg kennt, weil er sich von Gott geführt weiß? Besitze ich die Freiheit des Geistes und des Herzens, die einem Pilger ansteht, oder bin ich vielmehr Sklave meiner Arbeit, der Organisation und meiner Projekte? Sehne ich mich nach dem immer Größeren oder bin ich mit dem zufrieden, was ich habe?

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Dienstag, 21.07.20

Ein Pilger ist jemand, der etwas Neues ausprobiert, der Geschmack hat an neuen Abenteuern. Aber nicht alle sind bereit, sich auf einen gefährlichen Weg einzulassen. Der Pilger ist jemand, der sich allein und ohne irgendeine Absicherung in ein fremdes Gebiet wagt. Es besteht die Gefahr, dass man Pilgerschaft mit der Freiheit verwechselt, dahin zu gehen, wohin man selbst gerne gehen möchte.

Pilger zu sein ist nicht gleichbedeutend mit dem Leben eines Vagabunden, der kein Zuhause und keinen festen Wohnsitz hat. Der Vagabund ist ohne Orientierung, der Pilger hingegen hat eine klare Vorstellung von einem Zuhause, er lebt nicht von heute auf morgen und von Experimenten.

Pilger sein, heißt auch nicht, ein Fremder zu sein, ein Mensch ohne Beziehungen, der nicht weiß, wie man sich in einer Gesellschaft verhält. Wenn der erste Petrusbrief die Christen „Fremde“ nennt, dann ist das im Sinne von Pilgern gemeint, von Menschen, die obwohl sie nicht zuhause sind, doch eine Heimat haben, die den Weg kennen, des sie gehen müssen, um die Heimat zu erreichen, auch wenn sie nicht wissen, welchen und wievielen Gefahren sie begegnen.

Von Andrea Riccardi | Alles kann sich ändern

Aus: Andrea RICCARDI, Alles kann sich ändern. Gespräche mit Massimo Naro. Würzburg (Echter).

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Samstag, 18.07.20

Man braucht sich vor der Pluralität nicht zu fürchten, die kein übertriebener Subjektivismus ist. Seit dem Neuen Testament ist der Pluralismus grundlegend für das Christentum.

Das Leben eines Christen ist jedoch in dem der Gemeinschaft verwurzelt. Das Zusammensein findet in Christus selbst sein Zentrum. Doch auch die Bewegung zur Weitergabe des Evangeliums ist eine gemeinschaftliche Dynamik und muss „gemeinsam“ gemacht werden. In den Evangelien schickt Jesus seine Jünger aus, jeweils zu zweit das Reich Gottes zu verkünden. Warum?

Auf diese Weise, sagt Gregor der Große, können sie Zeugnis ablegen von der Nächstenliebe füreinander, die anziehend wirkt. Um wirkmächtig zu sein, braucht das Wort die gegenseitige Liebe. Dies zeigt, dass die Kommunikation des Evan-geliums nicht belehrend ist (wofür ein Rhetor notwendig wäre – vielleicht raffiniert, aber ein Solitär, ein Meister…). Die Kommunikation des Evangeliums ist allenfalls die „Ansteckung“ mit einer kraftvollen Erfahrung, für die es mindestens zwei Vermittler braucht, einer genügt nicht.

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Freitag, 17.07.20

Es gibt ein großes Geheimnis, das sich nur mit der unendlichen Barmherzigkeit Gottes erklären lässt: Wie ist es möglich, dass der ewige Gott, der Herr des Himmels und der Erde, sich an meinen Namen erinnert und besonderen Wert legt auf mein Leben?

Das wirkliche Problem besteht nicht darin, die Existenz Gottes zu behaupten, sondern zu erklären, warum Gott, der Ewige, sich um mich kümmert und sich an meinen Namen erinnert. Psalm 144 stellt nüchtern die Frage: „Herr, was ist der Mensch, dass du ihn wahrnimmst, des Menschen Kind, dass du es beachtest?“ (…)

Aus diesem Bewusstsein erwächst das unglaubliche Gebet, das Gott bittet, unse-rer menschlichen Geschichte nah und uns Gefährte zu sein: „Herr, neige deinen Himmel und steig herab …!“ Eine Bitte, die die unglaubliche Distanz zwischen Gott und dem Menschen durchbrechen will. (…)

Jesus selbst ist dieses göttliche Mitleid. Gott erinnert sich an jeden Mann und an jede Frau. Die Namen aller stehen im Buch des Himmelreichs, auch jene der von der Gesellschaft oder der Kirche Vergessenen. Jesus fordert seine Jünger auf, sich zu freuen, nicht etwa, weil sie Wunderbares vollbringen, sondern weil ihre Namen „im Himmel verzeichnet sind“.

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Donnerstag, 16.07.20

Der Friede geht von der Veränderung der Person aus, von ihrer Umkehr, ihrer tiefgreifenden Verklärung.

Das Thema der Verklärung ist zentral in der christlichen Spiritualität. Sie ist die große Herausforderung im täglichen Leben der Christen; damit sind nicht die Sonntagschristen gemeint, sondern die Zeugen der Auferstehung, die ausgehend von der sonntäglichen Liturgie die verwandelnde Kraft des im täglichen Leben auferstandenen Jesus zum Ausdruck bringen. (…)

Bekehrung heißt, Jesus auf den Berg Tabor zu folgen. Die Verklärung ist das Geschenk des Lichts, das in uns eindringt und uns die Schönheit genießen lässt, in der Gegenwart Jesu zu sein. Ein Licht, das auf die normalen Dinge fällt …

In diesem Sinne gilt die Verklärung auch für soziale Beziehungen, für das Zwischenmenschliche, für internationale Kontakte:

Alles kann erneuert, wieder aufgenommen, neu kennengelernt, neu verstanden werden. Alles kann sich ändern! Das hat auch etwas mit dem Frieden zu tun, mit der Verklärung einer leidenden und konfliktreichen Welt.

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Mittwoch, 15.07.20

Das christliche Gebet verweist auf die Weltlichkeit und auf die Konkretheit der Solidarität mit jedem, der sie nötig hat.

Das Gebet entspringt auch dem tiefen Gefühl, dass dem, was wir für andere und für uns selbst tun können, Grenzen gesetzt sind. Das Gebet, das Hören von Gottes Wort, befreit vom konsumorientierten Magie – und Wunderglauben: Es offenbart den Sinn einer auf gesunde Weise weltlichen Betrachtungsweise des Lebens, das heißt, sie lehren und ermutigen uns,, mit allen Ressourcen zu kämpfen, die wir heute nutzen können und müssen.

Gebet und Glaube sind imstande, Mutlosigkeit und pessimistische Trägheit aufzurütteln. Die Männer und Frauen, die gläubig sind und beten, machen tatsächlich nicht Halt vor der „Mauer des Unmöglichen“: Sie hegen eine größere Hoffnung. Sie wissen, dass demjenigen, der glaubt, alles möglich ist.

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Dienstag, 14.07.20

Man muss mit Kraft und Freiheit den Geist des Evangeliums strömen lassen. Die Probleme sind zahlreich, und die Bereitschaft der Menschen ist groß. Aber man muss die Unvollkommenheit des Gelebten akzeptieren, die Wider-sprüche der Wirklichkeit. (…)

Man muss akzeptieren, dass die Menschen in der Wirklichkeit unvollkommen leben, dass sie das Evangelium lieben und verkünden und es leben, wie sie können. Hier geht es um das Vertrauen in die Freiheit der Menschen, in die verantwortungsvolle Freiheit, um das Vertrauen in das Gewissen. Und dann gibt es die Gemeinschaft, die lebenswichtig ist für die Erfahrung und die Sendung des Christen.

Das ist der Punkt: Nie allein, sondern immer innerhalb der christlichen Gemein-schaft und Freundschaft. Jesus schickt seine Jünger immer paarweise aus. Gregor der Große erklärt auf seine Weise die Bedeutung dieses gemeinsamen Gehens: Sie geben nicht nur mit dem Wort Zeugnis ab, sondern auch mit der gegenseitigen Liebe.

Von Sr. Johanna Domek OSB | Berührung mit dem Evangelium

Aus: Johanna Domek, Benediktinische Impulse. Ein Jahresbegleiter. Münsterschwarzach (Vier-Türme-Verlag) 2005, 23 .

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Samstag, 11.07.20

In der Regel des Hl. Benedikt heißt es im Prolog:

„Seht doch, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg zum Leben. Wir wollen unter der Führung des Evangeliums die Wege gehen, die der Herr uns zeigt.“

Gott lädt uns auf einen Weg ein, den er uns zeigt, weil er uns gut ist. Er will nicht nur, dass wir geboren sind, sondern dass wir zum vollen Leben kommen. Jesus schenkte uns das Evangelium, das uns führen und immer wieder in die gute Richtung bringen soll. Für Benedikt ist das Evangelium der leuchtende Maßstab des Lebens.

Aber beachten wir: Ein Weg ist nicht zum Betrachten da, sondern zum Gehen. Lasse ich mich von Gottes Güte locken, heute mit Leib und Seele, mit meinem ganzen Menschsein auf diesem Weg die mir jetzt möglichen Schritte zu gehen?

Von Joachim Wanke | Berührung mit dem Evangelium

Aus: Joachim Wanke, „Bitte keine Werbung einwerfen!“ Dürfen Christen heute missionieren?, in: GuL 77/5 (2004) n. 420, 321-332, 322f.

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Freitag, 10.07.20

In den Menschen gibt es ein tiefes Verlangen, in glückenden Beziehungen leben zu können. So manches mag in unseren Tagen an Erfahrungen dagegen sprechen: das Zerbrechen von Ehen, die Erosion der Familien, die Selbst-inszenierung mancher Menschen in gesteigertem Lebensgenuss – notfalls auch auf Kosten anderer. Die Zeitgenossen leiden weniger an materieller Armut als vielmehr an Beziehungsarmut. Darin liegt eine Herausforderung für uns Christen.

Wir brauchen christliche Gemeinden und Gemeinschaften, in denen durch das Lebenszeugnis gläubiger Menschen erfahren wird: Eine Freiheit wird dadurch kostbar, dass in ihr ein Anruf hörbar wird. Man könnte sogar sagen: Im Du des Anderen, in seinem „Ruf“, der mich trifft, wird meine wahre Freiheit erst konstituiert. Mein Leben ist nicht ein beliebiges, austauschbares Produkt anonymer Gesetzmäßigkeiten, sondern es antwortet auf eine von außen kommende Stimme, die wirklich mich selbst meint:

„Du bist angenommen!“ „Du bist gewollt!“ Wo gibt es Menschen, die das im Namen des Evangeliums zu sagen wagen?

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Donnerstag, 09.07.20

Wir Christen sind nicht besser als unsere Mitmenschen. Aber wir haben es besser. Wir haben in unseren Händen, was andere nicht haben, eine sehr präzise Landkarte, die das Lebensterrain im Überblick zeigt und die gangbaren Wege zu dem alles entscheidenden Ziel. Auch wir Christen sind wie alle Menschen noch auf dem Weg. Der Unterschied ist: Wir kennen den Weg, auch wenn wir ihn schuldhaft und verbockt zeitweilig selbst nicht gehen.

Das ist vielleicht das entscheidende Argument, warum Auskunftsfähigkeit im Glauben nicht notwendig einen hundertprozentigen persönlichen Heiligenschein voraussetzt. Auch der Kranke kann einem anderen Kranken sagen, wo er den Arzt findet und die helfende Therapie. Zum Arzt gehen muss freilich jeder selbst.

Wir bedürfen selbst dieser Medizin, dieser Lebensorientierung vom Wort Gottes her – und zwar ständig, ohne darin zu einem Ende zu kommen. Daraus folgt: Zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden kann es nur ein Verhältnis existentieller Solidarität geben. Es geht nicht um Hilfeleistung von Besitzenden an Bedürftige. Hilfsbedürftig vor Gott sind alle Menschen. Aber wir Glaubenden wissen, woher uns Hilfe kommen kann. Wir sagen Ja und Amen zu einer unendlich kostbaren Gabe, die wir uns nicht selbst verschaffen oder verdienen können: Gottes Freundschaft, sein Erbarmen.

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Mittwoch, 08.07.20

In einem unbekannten Gelände ist es gut, eine ordentliche Landkarte zu haben. Manche Leute sind so genial, die brauchen nur einmal einen Blick auf die Karte zu werfen, da wissen sie Bescheid. Es ist gut, ab und zu mal einen Blick darauf zu werfen, einfach um sich zu orientieren und sich eventuell neu auszurichten. Zudem kann man auch - über die Karte gebeugt - für andere zum Auskunftsbüro werden, wie das einem durchaus bei Wanderungen passieren kann.

Wir liegen falsch, wenn wir meinen, das Evangelium sei uns näher als den anderen. Das stimmt nicht. Es gibt eine prinzipielle Offenheit aller Menschen für Gottes Anruf. Gottes Heilswille zielt auf alle Menschen. Das ist Grundüberzeu-gung der Kirche von Anfang an. Darum hat sie sich niemals zur Sekte machen lassen, zu einem Zirkel der Besserwissenden. Die frühe Kirche hat sich nicht gescheut, den bunten Völkerhaufen rund um das Mittelmeer das Evangelium in ihrer jeweiligen Muttersprache zu predigen. Darum kam es von Anfang an zu einer enormen Übersetzungstätigkeit. Die ist für das Evangelium prinzipiell noch nicht abgeschlossen. Nicht die hör- oder lesbare Sprache, sondern jene Sprache, in der das Evangelium das Herz der Menschen hier und heute erreichen kann.

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Dienstag, 07.07.20

Evangelium ist eine Welt- und Lebenssicht, die alles in ein neues, österliches Licht taucht. Dem Evangelium folgen bedeutet so etwas wie eine Horizonterweiterung für das Leben des Menschen. Es meint die innerste Zielorientierung für mein persönliches Navigationssystem, das wir Glauben nennen.

Daraus ergibt sich aber auch Folgendes: Niemand wird als Christ geboren. Jeder Mensch muss für sich selbst, ganz persönlich, Christ werden, das „Licht“ aufnehmen, wie es im Johannesprolog heißt, um so Kind Gottes werden zu können.

Auch wir müssen ständig fragen, was unser Getauftsein eigentlich bedeutet, und immer wieder neu diese Grundentscheidung des Herzens treffen: Wem will ich gehören?

Biblisch gesprochen: den Mächten dieser Welt, die mich versklaven wollen – oder Gott, dem Herrn, der mich durch Christi Sieg fähig gemacht hat, „Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind“ (Kol 1,12). Oder nicht biblisch formuliert: Wir müssen uns ständig um das große Plus vor unserer Lebensklammer bemühen.

Das Evangelium ist letztlich Jesus Christus selbst, die Begegnung mit ihm, der von Gott gekommen ist und dennoch ganz unser Menschenbruder bleibt. Es ist Licht von oben, Stimme, die vom Himmel her Wegweisung gibt.

Navi des Heiligen Geistes!

Von Franz Kamphaus | Signale der Freiheit

Aus: Franz Kamphaus, Lichtblicke – Jahreslesebuch, Herder 2001

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Samstag, 04.07.20

Der Name Gottes bürgt für Freiheit. Das hat Israel erlebt, vor allem im Aufbruch aus Ägypten. Die Befreiung aus der Sklaverei durch Gottes Tat ist das Ursprungsereignis dieses Volkes. Darum sind „Gott“ und „Freiheit“ für Israel untrennbar miteinander verbunden. Gott unterdrückt die Menschen nicht, er schenkt ihnen die Freiheit. Seine Herrschaft engt das Leben nicht ein, sondern bringt es zur Entfaltung. […]

Die Gebote kommen von da her. Sie sind nicht Voraussetzung der Freiheit, sie wollen den Aufbruch in die Freiheit schützen. Ist das Volk so frei, der Gabe Gottes zu entsprechen und seine Erwartungen einzulösen?

Die Propheten erinnern an diese Freiheit, rufen sie dem Volk ins Gewissen, wenn sie im Trott der Gewohnheiten unterzugehen droht, damals wie heute:

„Wenn die Propheten einbrächen

durch die Türen der Nacht

mit ihren Worten Wunden reißend

in die Felder der Gewohnheit…

würdest Du hören?....

Wenn die Propheten aufständen

in der Nacht der Menschheit

wie Liebende, die das Herz der Geliebten suchen,

Nacht der Menschheit

hättest Du ein Herz zu vergeben?“ so Nelly Sachs.

Das ist die entscheidende Frage in Sachen Freiheit: Hättest Du ein Herz zu vergeben?“ Freiheit ist nicht an ein bestimmtes Territorium gebunden das man anderen abjagen und gegen sie mit Waffengewalt verteidigen kann. Freiheit ist ein Lebensraum. Er entsteht überall dort, wo wir unser Herz geben, dem anderen und Gott.

Von Tomáš Halík |„Berühre die Wunden“ - zum Fest des Apostels Thomas

Aus: http://www.theologie-und-kirche.de/halik-wunden-christi.pdf

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Freitag, 03.07.20

„Gläubig sein“ bedeutet nicht, die Last brennender Fragen für immer wegzuwerfen. Manchmal heißt es, das Kreuz der Zweifel auf sich zu nehmen und Christus damit treu nachzufolgen. Die Kraft des Glaubens liegt nicht in der „Unerschütterlichkeit der Überzeugung“, sondern in der Fähigkeit, auch Zweifel, Unklarheiten tragen zu können, die Schwere des Geheimnisses zu ertragen – und dabei Treue und Hoffnung zu bewahren.

Ja, vielleicht ist gerade das die Bestimmung des Apostels Thomas. Der Glaube, geboren beim Berühren der Seite Jesu, wird für ihn nicht zum Gegenstand des „Besitzens“. Auch jetzt hört für ihn der Glaube nicht auf der Weg zu sein. Er soll auch weiterhin die Last seiner Zweifel und der Versuchungen zu Skepsis tragen. Die Gewissheit des Glaubens erlangt er nur dort, wo er beim Berühren der Wunden in der Welt Gott berührt –nur dort begegnet er ihm. Dort wird er erneut seine Begegnung mit dem Auferstandenen erleben. Dies ist seine Bestimmung. Eben dadurch wird er für viele, die durch das Leben im Zwielicht der Zweifel schreiten, den Weg zu einer ganz spezifischen Selbstoffenbarung Gottes in unserer Welt bahnen, zu einer unerwarteten „Gotteserfahrung“. Jener, der den Herrn gesehen hat, öffnet das Tor jenen, die nicht gesehen haben: sie können immer wieder Jesus aufs Neue begegnen – in den Wunden der Welt.

Von Klaus Hemmerle | Zum Fest „Mariä Heimsuchung“

Aus: https://www.klaus-hemmerle.de/de/werk/mariae-heimsuchung-1983.html#/reader/0

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Donnerstag, 02.07.20

Weg übers Gebirge. Und es ist ein Weg von mir hinweg zu einem anderen. Jeder Weg ist Weg um zu dienen, so wie Maria zu ihrer Base Elisabeth gegangen ist, um ihr zu helfen und zu dienen. Keiner lebt für sich, keiner hat nur irgendein Ideal in sich durchzutragen, sondern jeder ist gerufen zum Du, zum anderen. […]

Jeder – derjenige, der für Gott allein in die Einsamkeit geht, der, der sich hineinwirft in das Getümmel der Welt, derjenige, der in die Politik geht, derjenige, der irgendetwas anderes tut, er muss, indem er Gottes Ruf und Wort annimmt, aufbrechen zum andern. Es kommt an auf die Begegnung. Den Ruf hören, aufbrechen, übers Gebirge durchtragen, dienen. Und dann wird Begegnung sein, mit dem Herrn in der Mitte. Dazu ist sicher jeder berufen! Jeder ganz einfach dafür, dass zwischen ihm und andern Christus geboren wird, dass er in der Mitte lebt. Es kann gar niemanden von uns geben, der für etwas anderes gerufen wäre als dazu, dass Christus neu in diese Geschichte und neu in diese Welt hineinkommt. Dazu sind wir da. Zwischen Maria und Elisabeth spielt es: zwischen Menschen, die Ja sagen zu je ihrem Weg und Ruf, will Christus geboren werden. Dafür sind wir da. Dafür ist die Kirche nicht zu schlecht. Dafür ist die Gesellschaft nicht zu schlimm. Das kann passieren, wenn wir unseren Ruf leben, wenn wir aufbrechen. Da bin ich nicht von Verhältnissen, da bin ich nicht von Strukturen, da bin ich nicht von irgendetwas abhängig. Da bin ich von dem abhängig, der sich mir gegeben hat, weil er in mir und zwischen mir und dir Fleisch werden will. Das kann ich, nicht weil ich es kann, sondern weil er es kann.

Von Franz Kamphaus | Signale der Freiheit

Aus: Franz Kamphaus, Lichtblicke – Jahreslesebuch, Herder 2001

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Mittwoch, 01.07.20

Der christliche Glaube sagt: Der Weg zur Freiheit ist die Liebe. Eine überraschende Auskunft! Wir werden genau hinhören müssen, was sie meint. Sie hat ihren Grund, keinen anderen Grund als Gott selbst. Die Liebe ist der Weg zur Freiheit, denn all unsere Freiheit verdankt sich der vorgängigen, freigewagten Liebe Gottes zu uns. Sie kommt kort zur Reife, wo wir in Freiheit das Experiment der Liebe wagen.

Viele meinen, sie seien frei, wenn sie tun können, was sie wollen und wenn sie nur das zu tun haben, was sie möchten. Dieses Freiheitsverständnis verfehlt sein Ziel. Es ist viel zu einseitig vom Ich her gedacht, von den eigenen Bedürfnissen und Interessen. Unabhängigkeit ist zweifellos ein Element von Freiheit. Treibt man sie auf die Spitze führt sie zu Isolation. Der einzelne Mensch oder Staat sieht dann schließlich nur noch sich selbst, seinen Nutzen, seine Interessen. Eigeninteresse und Eigennutz werden zum Maßstab der Freiheit. Der Mensch ist aber zunächst nicht auf Unabhängigkeit und Isolation angelegt, sondern auf Beziehung. Er lebt von Beziehungen, die ihn befreien, in denen er frei bleibt und andere befreit.

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Dienstag, 30.06.20

Keine Frage: Freiheit ist ein Leitwort unseres Lebens. Es hat unter uns einen guten Klang. Jeder nimmt es für sich in Anspruch. Es geht uns oft sehr schnell über die Lippen, zu schnell – oder?

„Freiheit Wort

Das ich aufrauhen will

Ich will Dich mit Glassplittern spicken

dass man Dich schwer auf die Zunge nimmt

und Du niemandes Ball bist.“

So Hilde Domin

Freiheit, das Wort darf nicht zum Spielball werden. Dann sagt es am Ende nichts mehr, wird nichtssagend und leer, vor den einen Karren gespannt, wie es einem gerade passt.

Wissen wir, was mit meinen, wenn wir „Freiheit“ sagen?

Man kann mit dem Wort Etikettenschwindel treiben. Dann sagt man Freiheit und meint im Klartext Willkür oder Eigennutz. Freiheit und Freiheit ist nicht dasselbe. Umso wichtiger, dass Christen wissen, was sie meinen, wenn sie „Freiheit“ sagen. Die Bibel spricht nicht von einer Allerweltsfreiheit, sondern von einer ganz bestimmten Freiheit, von der herrlichen Freiheit der Söhne und Töchter Gottes. Christen sind zur Freiheit berufen. Nicht trotz ihres Glaubens, sondern aufgrund ihres Glaubens.

Gott bürgt für Freiheit.

Von Frère Roger Schutz | Die Dynamik des Vorläufigen

aus: Fr. Roger Schutz, Dynamik des Vorläufigen

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Samstag, 27.06.20

Im kontemplativen Warten auf GOTT wird alles wieder wünschenswert. Der Pessimismus löst sich und gibt dem Glaubensoptimismus Raum. Dann erst wird es wieder möglich, ins Auge zu fassen, was auf uns zukommt, die Ereignisse unseres Heute anzunehmen, auf den Nächsten zuzueilen, wieder aufzubrechen, voranzukommen. Nur im kontemplativen Warten auf GOTT können wir neue Kraft gewinnen.

Warten!

Warten auf die Morgenröte eines Lebens, in dem GOTT uns für immer zu sich nimmt.

Warten auf das Ereignis GOTTES, bei sich und beim Anderen.

Warten auf die Einheit der Kirche und über sie auf die Einheit aller Menschen.

Warten auf den Frühling der Kirche.

Warten auf den Geist der Barmherzigkeit, allen Widerständen zum Trotz; denn die Liebe, die sich nicht verzehrt, ist keine Liebe und ohne Liebe würden wir einen Ökumenismus ohne Hoffnung bekennen.

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Freitag, 26.06.20

Nur der kann aus der Dynamik des Vorläufigen leben, […], der Sinn für Kontinuität hat. Versteht man unter der Begeisterung das innere Mitgehen, dann ist sie eine positive Kraft, aber die genügt nicht. Solange sie nicht ihren Elan auf eine, tieferliegende und weniger gefühlsmäßige Kraft überträgt, die uns unser ganzes Leben hindurch vorankommen lassen soll, bleibt sie eine Kraft, die sich verzehrt und erschöpft. Es ist unerlässlich, die Kontinuität zu wahren, denn zwischen den Zeiten der Begeisterung liegen tote Zeiträume, unfruchtbare Wüsten. Das ist ein Lebensgesetz: jeder Vorstoß nach vorn ist von Schwankungen begleitet, von Zeiten der Ruhe und sogar von Zeiten der Leere.

Dasselbe gilt von der Regelmäßigkeit beim Gebet. Stöhnen wir unter dieser notwendigen Treue, so hieße das, in Wirklichkeit über uns selbst stöhnen. Eines Tages wird solche Regelmäßigkeit und Kontinuität der Ansatzunkt für einen neuen Aufschwung sein.

Eines geht nicht ohne das andere: Der Enthusiasmus in der Sicht des Provisoriums und die Kontinuität in der Sicht der Hoffnung.

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Donnerstag, 25.06.20

Unter all den Enterbten, die heute in der Welt leiden, gehören viele der Gemeinde der Armen Christi an. Mehr oder weniger intensiv leben sie alle in der Erwartung seiner Wiederkehr. Wer bereit ist, das Schicksal mit ihnen zu teilen, wird bei ihnen einen der großen Schätze des Evangeliums wiederfinden: die Gewissheit von der Vorsehung GOTTES, die den Christen des Westens wegen der Unruhe, in die sie die Beschleunigung der Entwicklungen treibt, allmählich verlorengeht. Die Berührung mit den Armen wird uns gewiss zu Bewusstsein bringen, dass unverzüglich gehandelt werden muss, uns zugleich aber auch die Dynamik des Wartens neu entdecken lassen. So beginnen wir mit Hilfe der Armen wieder das zu erfassen, was unsere träge gewordenen Geister zu begreifen nicht mehr imstande waren.

Von Vincenzo Paglia | Die Geburt des Täufers

aus: V. Paglia ( Gemeinschaft Sant’Egidio), Das Wort Gottes jeden Tag, Würzburg (Echter), 2011, S. 315f

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Mittwoch, 24.06.20

Es ist ein sehr altes Fest der Kirche, das wir heute feiern. Gemeinsam mit Maria ist Johannes der einzige Heilige, an dessen Geburt erinnert wird. Dies ist darin begründet, dass das Leben beider unerklärlich ist ohne den Bezug zu Jesus. Sie wurden für Jesus geboren: Maria, um seine Mutter zu sein, und Johannes, um ihm den Weg zu bereiten und den Menschen den Weg zu zeigen, der zu Jesus führt.

Die Geburt des Täufers eröffnet den alten Eltern ein neues Leben, als alle Hoffnung angesichts der Unfruchtbarkeit Elisabeths bereits zunichte gemacht schien. Dieser Sohn ist die Frucht des Engelwortes, und sein Name ist vollkommen neu: Er wird geboren, um der Welt Jesus zu zeigen.

Johannes ist ein Beispiel auch für uns: Wir sind alle eine Frucht der Liebe Gottes; niemand von uns ist zufällig geboren. Wir sind dazu geboren, Jünger Jesu zu sein und die Herzen der Menschen darauf vorzubereiten, ihn aufzunehmen.

Von Frère Roger Schutz | Die Dynamik des Vorläufigen

aus: Fr. Roger Schutz, Dynamik des Vorläufigen

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Dienstag, 23.06.20

Versuchen wir alles zu formulieren, so laufen wir Gefahr, uns den Zugang zum Göttlichen überhaupt zu versperren. Es entsteht sodann eine Leere, in die sich Gleichgültigkeit oder gar Verweigerung einschleichen; denn in jedem, Mann oder Frau, schwelt die Revolte. Wer den Sinn für das Heilige verliert, ist versucht, es zu ironisieren und zu karikieren. Eine untergründige Kraft wird in ihm mächtig, ihn aller Demut berauben und es verhindern, dass er von dem Geheimnis Gottes und der Kirche seine Knie beugt.

Wer die Verbindung mit einer mehr und mehr sich verweltlichenden Welt wieder herstellen will, nicht aber will, dass sich zugleich der Sinn für das Heilige in ihm verflüchtigt, hat sich zweierlei angelegen sein zu lassen, hat zwei Schritte zu tun, die ihn stets näher an die Quellen kontemplativen Lebens heranführen werden:

Das Mysterium der Kirche leben,

im kontemplativen Warten auf GOTT verharren.

Von Chiara Lubich, Die Kunst zu lieben

aus: Chiara Lubich, Von der Kunst zu lieben, München 2008

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Freitag, 19.06.20

Den Nächsten lieben, das heißt auch, sich – so gut es geht – in ihn hineinzuversetzen, sein Leid und seine Freude teilen, sich mit ihm „einsmachen“ – wie Paulus: „Den Schwachen wurde ich ein Schwacher… Allen bin ich alles geworden…“

Uns mit allen einsmachen bedeutet: Nicht mehr um uns selbst kreisen, nicht nur von unseren Sorgen und Ideen erfüllt sein und nicht nur an das Denken, was uns angeht. Sich einsmachen ist keine Sache des Gefühls, es führt zu Taten.

Man könnte sich fragen, wie weit man sich mit dem Nächsten einsmachen muss, um ihn zu lieben, ihm zu dienen und früher oder später zur Einheit zu gelangen. Die Antwort gibt Jesus selbst, der sich mit uns einsgemacht hat: Er ist Mensch geworden. Er hat unsere Müdigkeit, unser Leid, ja sogar den Tod erfahren. Er hat unser Menschsein voll und ganz geteilt. So sollten auch wir uns mit jedem einsmachen, dem wir im gegenwärtigen Augenblick begegnen. Wir wollen an seinen Sorgen, seinen Schmerzen und Freuden teilhaben. Dann wird diese Liebe fruchtbar und Gottes Segen haben.

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Donnerstag, 18.06.20

So vielen Menschen wir von früh bis spät begegnen – in allen wollen wir Jesus sehen. Wenn wir alles mit einfachen Augen betrachten, ist es Gott, der durch unsere Augen schaut: Gott, die Liebe…

Wie viele blicken in falscher Haltung auf Menschen und Dinge: Sie wollen sie besitzen; Ihr Blick ist von Egoismus oder Neid oder sonst wie getrübt. Ihr Blick ist leer; sie sind gelangweilt oder aufgewühlt. Als Ebenbild Gottes ist der Mensch zur Liebe geschaffen. Liebe aber, die auf sich selbst gerichtet ist, gleicht einer Flamme, die erlischt, weil sie nicht genährt wird. Schauen wir also weg von uns; nicht auf uns selbst, nicht auf die Dinge, nicht auf die Menschen, sondern auf Gott außerhalb von uns, um uns mit ihm zu vereinen. Gott ist in der Seele jedes Menschen, der in der Gnade lebt; Und wenn sie durch die Sünde „tot“ ist, ist sie wie ein Tabernakel, der darauf wartet, dass Gott darin Wohnung nimmt, zur Freude des Menschen. Schauen wir darum auf jeden Menschen in Liebe; Lieben heißt schenken.Dem Geschenk aber folgt ein Geschenk: Auch wir werden Liebe finden.

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Mittwoch, 17.06.20

Liebt eure Feinde – ein hartes Wort! Es stellt unsere gewohnte Denkweise völlig auf den Kopf. Machen wir uns nichts vor: Irgendeinen kleinen oder großen Gegner haben wir alle. Er ist nebenan hinter der Wohnungstür: In der unsympathischen Frau, der ich jedesmal auszuweichen versuche, wenn sie mit mir in denselben Aufzug einsteigen möchte… Er steckt in dem Verwandten, der meinem Vater vor dreißig Jahren Unrecht getan hat und den auch ich deshalb nicht mehr grüße… Und viele andere mehr.

Trotz allem: Es gilt, diese „Feinde“ zu liebe