ZEITGENÖSSISCHE LESUNG

IM MITTAGSGEBET

Von Andrea Riccardi | Alles kann sich ändern

Aus: Andrea RICCARDI, Alles kann sich ändern. Gespräche mit Massimo Naro. Würzburg (Echter).

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Dienstag, 14.07.20

Man muss mit Kraft und Freiheit den Geist des Evangeliums strömen lassen. Die Probleme sind zahlreich, und die Bereitschaft der Menschen ist groß. Aber man muss die Unvollkommenheit des Gelebten akzeptieren, die Wider-sprüche der Wirklichkeit. (…)

Man muss akzeptieren, dass die Menschen in der Wirklichkeit unvollkommen leben, dass sie das Evangelium lieben und verkünden und es leben, wie sie können. Hier geht es um das Vertrauen in die Freiheit der Menschen, in die verantwortungsvolle Freiheit, um das Vertrauen in das Gewissen. Und dann gibt es die Gemeinschaft, die lebenswichtig ist für die Erfahrung und die Sendung des Christen.

Das ist der Punkt: Nie allein, sondern immer innerhalb der christlichen Gemein-schaft und Freundschaft. Jesus schickt seine Jünger immer paarweise aus. Gregor der Große erklärt auf seine Weise die Bedeutung dieses gemeinsamen Gehens: Sie geben nicht nur mit dem Wort Zeugnis ab, sondern auch mit der gegenseitigen Liebe.

Von Sr. Johanna Domek OSB | Berührung mit dem Evangelium

Aus: Johanna Domek, Benediktinische Impulse. Ein Jahresbegleiter. Münsterschwarzach (Vier-Türme-Verlag) 2005, 23 .

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Samstag, 11.07.20

In der Regel des Hl. Benedikt heißt es im Prolog:

„Seht doch, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg zum Leben. Wir wollen unter der Führung des Evangeliums die Wege gehen, die der Herr uns zeigt.“

Gott lädt uns auf einen Weg ein, den er uns zeigt, weil er uns gut ist. Er will nicht nur, dass wir geboren sind, sondern dass wir zum vollen Leben kommen. Jesus schenkte uns das Evangelium, das uns führen und immer wieder in die gute Richtung bringen soll. Für Benedikt ist das Evangelium der leuchtende Maßstab des Lebens.

Aber beachten wir: Ein Weg ist nicht zum Betrachten da, sondern zum Gehen. Lasse ich mich von Gottes Güte locken, heute mit Leib und Seele, mit meinem ganzen Menschsein auf diesem Weg die mir jetzt möglichen Schritte zu gehen?

Von Joachim Wanke | Berührung mit dem Evangelium

Aus: Joachim Wanke, „Bitte keine Werbung einwerfen!“ Dürfen Christen heute missionieren?, in: GuL 77/5 (2004) n. 420, 321-332, 322f.

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Freitag, 10.07.20

In den Menschen gibt es ein tiefes Verlangen, in glückenden Beziehungen leben zu können. So manches mag in unseren Tagen an Erfahrungen dagegen sprechen: das Zerbrechen von Ehen, die Erosion der Familien, die Selbst-inszenierung mancher Menschen in gesteigertem Lebensgenuss – notfalls auch auf Kosten anderer. Die Zeitgenossen leiden weniger an materieller Armut als vielmehr an Beziehungsarmut. Darin liegt eine Herausforderung für uns Christen.

Wir brauchen christliche Gemeinden und Gemeinschaften, in denen durch das Lebenszeugnis gläubiger Menschen erfahren wird: Eine Freiheit wird dadurch kostbar, dass in ihr ein Anruf hörbar wird. Man könnte sogar sagen: Im Du des Anderen, in seinem „Ruf“, der mich trifft, wird meine wahre Freiheit erst konstituiert. Mein Leben ist nicht ein beliebiges, austauschbares Produkt anonymer Gesetzmäßigkeiten, sondern es antwortet auf eine von außen kommende Stimme, die wirklich mich selbst meint:

„Du bist angenommen!“ „Du bist gewollt!“ Wo gibt es Menschen, die das im Namen des Evangeliums zu sagen wagen?

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Donnerstag, 09.07.20

Wir Christen sind nicht besser als unsere Mitmenschen. Aber wir haben es besser. Wir haben in unseren Händen, was andere nicht haben, eine sehr präzise Landkarte, die das Lebensterrain im Überblick zeigt und die gangbaren Wege zu dem alles entscheidenden Ziel. Auch wir Christen sind wie alle Menschen noch auf dem Weg. Der Unterschied ist: Wir kennen den Weg, auch wenn wir ihn schuldhaft und verbockt zeitweilig selbst nicht gehen.

Das ist vielleicht das entscheidende Argument, warum Auskunftsfähigkeit im Glauben nicht notwendig einen hundertprozentigen persönlichen Heiligenschein voraussetzt. Auch der Kranke kann einem anderen Kranken sagen, wo er den Arzt findet und die helfende Therapie. Zum Arzt gehen muss freilich jeder selbst.

Wir bedürfen selbst dieser Medizin, dieser Lebensorientierung vom Wort Gottes her – und zwar ständig, ohne darin zu einem Ende zu kommen. Daraus folgt: Zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden kann es nur ein Verhältnis existentieller Solidarität geben. Es geht nicht um Hilfeleistung von Besitzenden an Bedürftige. Hilfsbedürftig vor Gott sind alle Menschen. Aber wir Glaubenden wissen, woher uns Hilfe kommen kann. Wir sagen Ja und Amen zu einer unendlich kostbaren Gabe, die wir uns nicht selbst verschaffen oder verdienen können: Gottes Freundschaft, sein Erbarmen.

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Mittwoch, 08.07.20

In einem unbekannten Gelände ist es gut, eine ordentliche Landkarte zu haben. Manche Leute sind so genial, die brauchen nur einmal einen Blick auf die Karte zu werfen, da wissen sie Bescheid. Es ist gut, ab und zu mal einen Blick darauf zu werfen, einfach um sich zu orientieren und sich eventuell neu auszurichten. Zudem kann man auch - über die Karte gebeugt - für andere zum Auskunftsbüro werden, wie das einem durchaus bei Wanderungen passieren kann.

Wir liegen falsch, wenn wir meinen, das Evangelium sei uns näher als den anderen. Das stimmt nicht. Es gibt eine prinzipielle Offenheit aller Menschen für Gottes Anruf. Gottes Heilswille zielt auf alle Menschen. Das ist Grundüberzeu-gung der Kirche von Anfang an. Darum hat sie sich niemals zur Sekte machen lassen, zu einem Zirkel der Besserwissenden. Die frühe Kirche hat sich nicht gescheut, den bunten Völkerhaufen rund um das Mittelmeer das Evangelium in ihrer jeweiligen Muttersprache zu predigen. Darum kam es von Anfang an zu einer enormen Übersetzungstätigkeit. Die ist für das Evangelium prinzipiell noch nicht abgeschlossen. Nicht die hör- oder lesbare Sprache, sondern jene Sprache, in der das Evangelium das Herz der Menschen hier und heute erreichen kann.

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Dienstag, 07.07.20

Evangelium ist eine Welt- und Lebenssicht, die alles in ein neues, österliches Licht taucht. Dem Evangelium folgen bedeutet so etwas wie eine Horizonterweiterung für das Leben des Menschen. Es meint die innerste Zielorientierung für mein persönliches Navigationssystem, das wir Glauben nennen.

Daraus ergibt sich aber auch Folgendes: Niemand wird als Christ geboren. Jeder Mensch muss für sich selbst, ganz persönlich, Christ werden, das „Licht“ aufnehmen, wie es im Johannesprolog heißt, um so Kind Gottes werden zu können.

Auch wir müssen ständig fragen, was unser Getauftsein eigentlich bedeutet, und immer wieder neu diese Grundentscheidung des Herzens treffen: Wem will ich gehören?

Biblisch gesprochen: den Mächten dieser Welt, die mich versklaven wollen – oder Gott, dem Herrn, der mich durch Christi Sieg fähig gemacht hat, „Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind“ (Kol 1,12). Oder nicht biblisch formuliert: Wir müssen uns ständig um das große Plus vor unserer Lebensklammer bemühen.

Das Evangelium ist letztlich Jesus Christus selbst, die Begegnung mit ihm, der von Gott gekommen ist und dennoch ganz unser Menschenbruder bleibt. Es ist Licht von oben, Stimme, die vom Himmel her Wegweisung gibt.

Navi des Heiligen Geistes!

Von Franz Kamphaus | Signale der Freiheit

Aus: Franz Kamphaus, Lichtblicke – Jahreslesebuch, Herder 2001

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Samstag, 04.07.20

Der Name Gottes bürgt für Freiheit. Das hat Israel erlebt, vor allem im Aufbruch aus Ägypten. Die Befreiung aus der Sklaverei durch Gottes Tat ist das Ursprungsereignis dieses Volkes. Darum sind „Gott“ und „Freiheit“ für Israel untrennbar miteinander verbunden. Gott unterdrückt die Menschen nicht, er schenkt ihnen die Freiheit. Seine Herrschaft engt das Leben nicht ein, sondern bringt es zur Entfaltung. […]

Die Gebote kommen von da her. Sie sind nicht Voraussetzung der Freiheit, sie wollen den Aufbruch in die Freiheit schützen. Ist das Volk so frei, der Gabe Gottes zu entsprechen und seine Erwartungen einzulösen?

Die Propheten erinnern an diese Freiheit, rufen sie dem Volk ins Gewissen, wenn sie im Trott der Gewohnheiten unterzugehen droht, damals wie heute:

„Wenn die Propheten einbrächen

durch die Türen der Nacht

mit ihren Worten Wunden reißend

in die Felder der Gewohnheit…

würdest Du hören?....

Wenn die Propheten aufständen

in der Nacht der Menschheit

wie Liebende, die das Herz der Geliebten suchen,

Nacht der Menschheit

hättest Du ein Herz zu vergeben?“ so Nelly Sachs.

Das ist die entscheidende Frage in Sachen Freiheit: Hättest Du ein Herz zu vergeben?“ Freiheit ist nicht an ein bestimmtes Territorium gebunden das man anderen abjagen und gegen sie mit Waffengewalt verteidigen kann. Freiheit ist ein Lebensraum. Er entsteht überall dort, wo wir unser Herz geben, dem anderen und Gott.

Von Tomáš Halík |„Berühre die Wunden“ - zum Fest des Apostels Thomas

Aus: http://www.theologie-und-kirche.de/halik-wunden-christi.pdf

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Freitag, 03.07.20

„Gläubig sein“ bedeutet nicht, die Last brennender Fragen für immer wegzuwerfen. Manchmal heißt es, das Kreuz der Zweifel auf sich zu nehmen und Christus damit treu nachzufolgen. Die Kraft des Glaubens liegt nicht in der „Unerschütterlichkeit der Überzeugung“, sondern in der Fähigkeit, auch Zweifel, Unklarheiten tragen zu können, die Schwere des Geheimnisses zu ertragen – und dabei Treue und Hoffnung zu bewahren.

Ja, vielleicht ist gerade das die Bestimmung des Apostels Thomas. Der Glaube, geboren beim Berühren der Seite Jesu, wird für ihn nicht zum Gegenstand des „Besitzens“. Auch jetzt hört für ihn der Glaube nicht auf der Weg zu sein. Er soll auch weiterhin die Last seiner Zweifel und der Versuchungen zu Skepsis tragen. Die Gewissheit des Glaubens erlangt er nur dort, wo er beim Berühren der Wunden in der Welt Gott berührt –nur dort begegnet er ihm. Dort wird er erneut seine Begegnung mit dem Auferstandenen erleben. Dies ist seine Bestimmung. Eben dadurch wird er für viele, die durch das Leben im Zwielicht der Zweifel schreiten, den Weg zu einer ganz spezifischen Selbstoffenbarung Gottes in unserer Welt bahnen, zu einer unerwarteten „Gotteserfahrung“. Jener, der den Herrn gesehen hat, öffnet das Tor jenen, die nicht gesehen haben: sie können immer wieder Jesus aufs Neue begegnen – in den Wunden der Welt.

Von Klaus Hemmerle | Zum Fest „Mariä Heimsuchung“

Aus: https://www.klaus-hemmerle.de/de/werk/mariae-heimsuchung-1983.html#/reader/0

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Donnerstag, 02.07.20

Weg übers Gebirge. Und es ist ein Weg von mir hinweg zu einem anderen. Jeder Weg ist Weg um zu dienen, so wie Maria zu ihrer Base Elisabeth gegangen ist, um ihr zu helfen und zu dienen. Keiner lebt für sich, keiner hat nur irgendein Ideal in sich durchzutragen, sondern jeder ist gerufen zum Du, zum anderen. […]

Jeder – derjenige, der für Gott allein in die Einsamkeit geht, der, der sich hineinwirft in das Getümmel der Welt, derjenige, der in die Politik geht, derjenige, der irgendetwas anderes tut, er muss, indem er Gottes Ruf und Wort annimmt, aufbrechen zum andern. Es kommt an auf die Begegnung. Den Ruf hören, aufbrechen, übers Gebirge durchtragen, dienen. Und dann wird Begegnung sein, mit dem Herrn in der Mitte. Dazu ist sicher jeder berufen! Jeder ganz einfach dafür, dass zwischen ihm und andern Christus geboren wird, dass er in der Mitte lebt. Es kann gar niemanden von uns geben, der für etwas anderes gerufen wäre als dazu, dass Christus neu in diese Geschichte und neu in diese Welt hineinkommt. Dazu sind wir da. Zwischen Maria und Elisabeth spielt es: zwischen Menschen, die Ja sagen zu je ihrem Weg und Ruf, will Christus geboren werden. Dafür sind wir da. Dafür ist die Kirche nicht zu schlecht. Dafür ist die Gesellschaft nicht zu schlimm. Das kann passieren, wenn wir unseren Ruf leben, wenn wir aufbrechen. Da bin ich nicht von Verhältnissen, da bin ich nicht von Strukturen, da bin ich nicht von irgendetwas abhängig. Da bin ich von dem abhängig, der sich mir gegeben hat, weil er in mir und zwischen mir und dir Fleisch werden will. Das kann ich, nicht weil ich es kann, sondern weil er es kann.

Von Franz Kamphaus | Signale der Freiheit

Aus: Franz Kamphaus, Lichtblicke – Jahreslesebuch, Herder 2001

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Mittwoch, 01.07.20

Der christliche Glaube sagt: Der Weg zur Freiheit ist die Liebe. Eine überraschende Auskunft! Wir werden genau hinhören müssen, was sie meint. Sie hat ihren Grund, keinen anderen Grund als Gott selbst. Die Liebe ist der Weg zur Freiheit, denn all unsere Freiheit verdankt sich der vorgängigen, freigewagten Liebe Gottes zu uns. Sie kommt kort zur Reife, wo wir in Freiheit das Experiment der Liebe wagen.

Viele meinen, sie seien frei, wenn sie tun können, was sie wollen und wenn sie nur das zu tun haben, was sie möchten. Dieses Freiheitsverständnis verfehlt sein Ziel. Es ist viel zu einseitig vom Ich her gedacht, von den eigenen Bedürfnissen und Interessen. Unabhängigkeit ist zweifellos ein Element von Freiheit. Treibt man sie auf die Spitze führt sie zu Isolation. Der einzelne Mensch oder Staat sieht dann schließlich nur noch sich selbst, seinen Nutzen, seine Interessen. Eigeninteresse und Eigennutz werden zum Maßstab der Freiheit. Der Mensch ist aber zunächst nicht auf Unabhängigkeit und Isolation angelegt, sondern auf Beziehung. Er lebt von Beziehungen, die ihn befreien, in denen er frei bleibt und andere befreit.

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Dienstag, 30.06.20

Keine Frage: Freiheit ist ein Leitwort unseres Lebens. Es hat unter uns einen guten Klang. Jeder nimmt es für sich in Anspruch. Es geht uns oft sehr schnell über die Lippen, zu schnell – oder?

„Freiheit Wort

Das ich aufrauhen will

Ich will Dich mit Glassplittern spicken

dass man Dich schwer auf die Zunge nimmt

und Du niemandes Ball bist.“

So Hilde Domin

Freiheit, das Wort darf nicht zum Spielball werden. Dann sagt es am Ende nichts mehr, wird nichtssagend und leer, vor den einen Karren gespannt, wie es einem gerade passt.

Wissen wir, was mit meinen, wenn wir „Freiheit“ sagen?

Man kann mit dem Wort Etikettenschwindel treiben. Dann sagt man Freiheit und meint im Klartext Willkür oder Eigennutz. Freiheit und Freiheit ist nicht dasselbe. Umso wichtiger, dass Christen wissen, was sie meinen, wenn sie „Freiheit“ sagen. Die Bibel spricht nicht von einer Allerweltsfreiheit, sondern von einer ganz bestimmten Freiheit, von der herrlichen Freiheit der Söhne und Töchter Gottes. Christen sind zur Freiheit berufen. Nicht trotz ihres Glaubens, sondern aufgrund ihres Glaubens.

Gott bürgt für Freiheit.

Von Frère Roger Schutz | Die Dynamik des Vorläufigen

aus: Fr. Roger Schutz, Dynamik des Vorläufigen

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Samstag, 27.06.20

Im kontemplativen Warten auf GOTT wird alles wieder wünschenswert. Der Pessimismus löst sich und gibt dem Glaubensoptimismus Raum. Dann erst wird es wieder möglich, ins Auge zu fassen, was auf uns zukommt, die Ereignisse unseres Heute anzunehmen, auf den Nächsten zuzueilen, wieder aufzubrechen, voranzukommen. Nur im kontemplativen Warten auf GOTT können wir neue Kraft gewinnen.

Warten!

Warten auf die Morgenröte eines Lebens, in dem GOTT uns für immer zu sich nimmt.

Warten auf das Ereignis GOTTES, bei sich und beim Anderen.

Warten auf die Einheit der Kirche und über sie auf die Einheit aller Menschen.

Warten auf den Frühling der Kirche.

Warten auf den Geist der Barmherzigkeit, allen Widerständen zum Trotz; denn die Liebe, die sich nicht verzehrt, ist keine Liebe und ohne Liebe würden wir einen Ökumenismus ohne Hoffnung bekennen.

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Freitag, 26.06.20

Nur der kann aus der Dynamik des Vorläufigen leben, […], der Sinn für Kontinuität hat. Versteht man unter der Begeisterung das innere Mitgehen, dann ist sie eine positive Kraft, aber die genügt nicht. Solange sie nicht ihren Elan auf eine, tieferliegende und weniger gefühlsmäßige Kraft überträgt, die uns unser ganzes Leben hindurch vorankommen lassen soll, bleibt sie eine Kraft, die sich verzehrt und erschöpft. Es ist unerlässlich, die Kontinuität zu wahren, denn zwischen den Zeiten der Begeisterung liegen tote Zeiträume, unfruchtbare Wüsten. Das ist ein Lebensgesetz: jeder Vorstoß nach vorn ist von Schwankungen begleitet, von Zeiten der Ruhe und sogar von Zeiten der Leere.

Dasselbe gilt von der Regelmäßigkeit beim Gebet. Stöhnen wir unter dieser notwendigen Treue, so hieße das, in Wirklichkeit über uns selbst stöhnen. Eines Tages wird solche Regelmäßigkeit und Kontinuität der Ansatzunkt für einen neuen Aufschwung sein.

Eines geht nicht ohne das andere: Der Enthusiasmus in der Sicht des Provisoriums und die Kontinuität in der Sicht der Hoffnung.

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Donnerstag, 25.06.20

Unter all den Enterbten, die heute in der Welt leiden, gehören viele der Gemeinde der Armen Christi an. Mehr oder weniger intensiv leben sie alle in der Erwartung seiner Wiederkehr. Wer bereit ist, das Schicksal mit ihnen zu teilen, wird bei ihnen einen der großen Schätze des Evangeliums wiederfinden: die Gewissheit von der Vorsehung GOTTES, die den Christen des Westens wegen der Unruhe, in die sie die Beschleunigung der Entwicklungen treibt, allmählich verlorengeht. Die Berührung mit den Armen wird uns gewiss zu Bewusstsein bringen, dass unverzüglich gehandelt werden muss, uns zugleich aber auch die Dynamik des Wartens neu entdecken lassen. So beginnen wir mit Hilfe der Armen wieder das zu erfassen, was unsere träge gewordenen Geister zu begreifen nicht mehr imstande waren.

Von Vincenzo Paglia | Die Geburt des Täufers

aus: V. Paglia ( Gemeinschaft Sant’Egidio), Das Wort Gottes jeden Tag, Würzburg (Echter), 2011, S. 315f

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Mittwoch, 24.06.20

Es ist ein sehr altes Fest der Kirche, das wir heute feiern. Gemeinsam mit Maria ist Johannes der einzige Heilige, an dessen Geburt erinnert wird. Dies ist darin begründet, dass das Leben beider unerklärlich ist ohne den Bezug zu Jesus. Sie wurden für Jesus geboren: Maria, um seine Mutter zu sein, und Johannes, um ihm den Weg zu bereiten und den Menschen den Weg zu zeigen, der zu Jesus führt.

Die Geburt des Täufers eröffnet den alten Eltern ein neues Leben, als alle Hoffnung angesichts der Unfruchtbarkeit Elisabeths bereits zunichte gemacht schien. Dieser Sohn ist die Frucht des Engelwortes, und sein Name ist vollkommen neu: Er wird geboren, um der Welt Jesus zu zeigen.

Johannes ist ein Beispiel auch für uns: Wir sind alle eine Frucht der Liebe Gottes; niemand von uns ist zufällig geboren. Wir sind dazu geboren, Jünger Jesu zu sein und die Herzen der Menschen darauf vorzubereiten, ihn aufzunehmen.

Von Frère Roger Schutz | Die Dynamik des Vorläufigen

aus: Fr. Roger Schutz, Dynamik des Vorläufigen

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Dienstag, 23.06.20

Versuchen wir alles zu formulieren, so laufen wir Gefahr, uns den Zugang zum Göttlichen überhaupt zu versperren. Es entsteht sodann eine Leere, in die sich Gleichgültigkeit oder gar Verweigerung einschleichen; denn in jedem, Mann oder Frau, schwelt die Revolte. Wer den Sinn für das Heilige verliert, ist versucht, es zu ironisieren und zu karikieren. Eine untergründige Kraft wird in ihm mächtig, ihn aller Demut berauben und es verhindern, dass er von dem Geheimnis Gottes und der Kirche seine Knie beugt.

Wer die Verbindung mit einer mehr und mehr sich verweltlichenden Welt wieder herstellen will, nicht aber will, dass sich zugleich der Sinn für das Heilige in ihm verflüchtigt, hat sich zweierlei angelegen sein zu lassen, hat zwei Schritte zu tun, die ihn stets näher an die Quellen kontemplativen Lebens heranführen werden:

Das Mysterium der Kirche leben,

im kontemplativen Warten auf GOTT verharren.

Von Chiara Lubich, Die Kunst zu lieben

aus: Chiara Lubich, Von der Kunst zu lieben, München 2008

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Freitag, 19.06.20

Den Nächsten lieben, das heißt auch, sich – so gut es geht – in ihn hineinzuversetzen, sein Leid und seine Freude teilen, sich mit ihm „einsmachen“ – wie Paulus: „Den Schwachen wurde ich ein Schwacher… Allen bin ich alles geworden…“

Uns mit allen einsmachen bedeutet: Nicht mehr um uns selbst kreisen, nicht nur von unseren Sorgen und Ideen erfüllt sein und nicht nur an das Denken, was uns angeht. Sich einsmachen ist keine Sache des Gefühls, es führt zu Taten.

Man könnte sich fragen, wie weit man sich mit dem Nächsten einsmachen muss, um ihn zu lieben, ihm zu dienen und früher oder später zur Einheit zu gelangen. Die Antwort gibt Jesus selbst, der sich mit uns einsgemacht hat: Er ist Mensch geworden. Er hat unsere Müdigkeit, unser Leid, ja sogar den Tod erfahren. Er hat unser Menschsein voll und ganz geteilt. So sollten auch wir uns mit jedem einsmachen, dem wir im gegenwärtigen Augenblick begegnen. Wir wollen an seinen Sorgen, seinen Schmerzen und Freuden teilhaben. Dann wird diese Liebe fruchtbar und Gottes Segen haben.

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Donnerstag, 18.06.20

So vielen Menschen wir von früh bis spät begegnen – in allen wollen wir Jesus sehen. Wenn wir alles mit einfachen Augen betrachten, ist es Gott, der durch unsere Augen schaut: Gott, die Liebe…

Wie viele blicken in falscher Haltung auf Menschen und Dinge: Sie wollen sie besitzen; Ihr Blick ist von Egoismus oder Neid oder sonst wie getrübt. Ihr Blick ist leer; sie sind gelangweilt oder aufgewühlt. Als Ebenbild Gottes ist der Mensch zur Liebe geschaffen. Liebe aber, die auf sich selbst gerichtet ist, gleicht einer Flamme, die erlischt, weil sie nicht genährt wird. Schauen wir also weg von uns; nicht auf uns selbst, nicht auf die Dinge, nicht auf die Menschen, sondern auf Gott außerhalb von uns, um uns mit ihm zu vereinen. Gott ist in der Seele jedes Menschen, der in der Gnade lebt; Und wenn sie durch die Sünde „tot“ ist, ist sie wie ein Tabernakel, der darauf wartet, dass Gott darin Wohnung nimmt, zur Freude des Menschen. Schauen wir darum auf jeden Menschen in Liebe; Lieben heißt schenken.Dem Geschenk aber folgt ein Geschenk: Auch wir werden Liebe finden.

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Mittwoch, 17.06.20

Liebt eure Feinde – ein hartes Wort! Es stellt unsere gewohnte Denkweise völlig auf den Kopf. Machen wir uns nichts vor: Irgendeinen kleinen oder großen Gegner haben wir alle. Er ist nebenan hinter der Wohnungstür: In der unsympathischen Frau, der ich jedesmal auszuweichen versuche, wenn sie mit mir in denselben Aufzug einsteigen möchte… Er steckt in dem Verwandten, der meinem Vater vor dreißig Jahren Unrecht getan hat und den auch ich deshalb nicht mehr grüße… Und viele andere mehr.

Trotz allem: Es gilt, diese „Feinde“ zu lieben. Lieben? Ja. Gerade sie! Wir sollten nicht meinen, es sei genug, die Hassgefühle zu überwinden. Es geht um mehr. Denn Jesus sagt: „Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen.“ Jesus will, dass wir das Böse durch das Gute überwinden. Er will eine Liebe, die in konkretes Tun übersetzt wird.

Wieso gibt Jesus ein solches Gebot? Er möchte unser Verhalten nach dem seines Vaters formen, denn Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten“. Wir sind nicht wie Waisen in der Welt, sondern haben einen Vater. Ihm sollen wir ähnlich werden. Lieben wir also unsere „Feinde“. Nur wenn wir so handeln, lassen sich Uneinigkeiten in Ordnung bringen, Barrieren niederreißen, lässt sich Gemeinschaft aufbauen.

Fassen wir Mut! Denn wir dürfen wissen, dass Gott selbst unserem noch so kleinen Bemühen zu Hilfe kommt und das Entscheidende zu Wege bringt … und in unser Herz strömt Freude.

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Dienstag, 16.06.20

Wie oft verliert die Einheit unter uns an Kraft, weil die Beziehung untereinander getrübt ist. Wir hatten uns vorgenommen, im anderen Jesus zu sehen und zu lieben; Doch plötzlich kommt uns wieder in den Sinn, dass der andere diese oder jene Unvollkommenheit besitzt. Wir sehen alles verworren und sind nicht mehr im Licht. Die Einheit zerbricht, und der Fehler liegt – bei uns!

Gewiss mag es sein, dass der andere tatsächlich etwas falsch gemacht hat. Wenn er sich mit Gott ausgesöhnt hat, erinnert sich Gott an nichts mehr. Warum sollen wir uns noch erinnern?

Bemühen wir uns, die Dinge mit den Augen Gottes, in der Wahrheit zu sehen, und begegnen wir dem anderen entsprechend. Und selbst, wenn dieser die Sache noch nicht in Ordnung gebracht hat, kann die Liebe etwas bewegen. Die Liebe hat in der Wahrheit bestand, die Wahrheit aber ist - Barmherzigkeit!

Von Sebastian Rink, Die Bergpredigt: Eine Spurensuche zum Himmelreich

aus: Sebastian Rink, Heiliges Leben; https://heiligesleben.de/buch/

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Samstag, 13.06.20

Der Auftakt der Bergpredigt ist eine himmlische Erinnerung gegen das Vergessen.

Er ist damit zugleich der Zuspruch an die Leidenden. Ich habe dich im Blick, auch wenn alle anderen dich vergessen haben.

Er klingt wie der Klageschrei Gottes: „Ich finde mich nicht einfach ab damit, wie es ist:

Die Armen müssten ein Königreich besitzen. Die Leidenden sollten getröstet werden. Die Machtlosen müssten die Erde verwalten. Und die ungerecht Behandelten sollen endlich zu ihrem Recht kommen.“ Der Beginn der Rede lenkt den Blick auf Menschen, die schnell vergessen werden. Sie, die Passiven bekommen Aufmerksamkeit, Menschen mit einer Passion, eben die Leidenden. Sie stehen plötzlich im Rampenlicht, wenn das Himmelreich aufgeführt wird. Wenn Gott das Sagen hätte, wären die Letzten unserer Gesellschaft, die Ersten in Seiner. Hier blitzt es auf, das Heilige, denn es gilt. Immer dann, wenn die Letzten zu Ersten werden, dann passiert das Himmelreich. Dann werden die Vergessenen zu Himmels-Glücklichen – eben zu Seligen.

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Freitag, 12.06.20

Immer wieder erleben Menschen, dass Seine Worte das Leben zu etwas Heiligem machen. Sie laden uns ein, das Heilige im Leben zu entdecken. Die Spurensuche führt uns auf Jesu Idee vom Leben. Es lohnt sich die Bergpredigt mit wachem Blick zu betrachten für das echt Menschliche und einem feinen Sinn für das besonders Göttliche darin.

Die Bergpredigt als die Idee für ein heiliges Leben zu verstehen ist nicht zuerst politisches Programm. Es ist auch nicht allein moralische Verantwortung. Es ist die Suche nach dem tiefen Geheimnis des Lebens selbst. Seit Urzeiten versuchen Menschen, es mit dem Wort „Gott“ zu umschreiben, auch wenn sie es nie ganz zu fassen bekommen. Wir suchen in einer Rede nach dem Himmelreich.

Die ersten Zeilen der Bergpredigt sind ein Augenöffner. Wir haben sie oft gehört und mit jedem Mal sind sie etwas gefälliger geworden, dabei müssten sie eigentlich verwirren.

Wer unsere Welt aufmerksam beobachtet könnte sagen, offenbar hat hier jemand die Wirklichkeit aus den Augen verloren. So läuft es doch nicht. Wenn man sich aber nur auf die bloßen Worte konzentriert und nicht beachtet vom wem die Rede ist, dann verliert man etwas Entscheidendes aus dem Blick, etwas, was Jesus gerade in den Blick rücken will. Die Vergessenen am Rand der Gesellschaft.

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Mittwoch, 10.06.20

Wo ist Gott? Diese Frage drängt sich nicht nur dann auf, wenn man sich den Zustand unserer Welt anschaut. Sie bricht schon dort auf, wo schlicht nichts Besonderes passiert und der Glaube in der Masse an Alltag unterzugehen scheint. Und wie geht leben? Es dreht sich, wie es sich nun einmal dreht. Müsste Gott nicht eigentlich viel öfter außergewöhnlich daraus auftauchen? Kann man vom Göttlichen nicht erwarten, dass es sich endlich in den Wundern zeigt, von denen „die anderen“ immer erzählen – die ich aber selbst gar nicht erlebe? Das kann man glauben. Vielleicht muss man es aber gar nicht, um trotzdem zu glauben. Doch wie kommen Gott und Leben dann zusammen?

Muss man wirklich immer das Außergewöhnliche suchen? Oder ist das Göttliche auch im Gewöhnlichen zu finden? Könnte nicht schon dieses ganz normale Leben ein heiliges Leben sein? Eines, das dazu einlädt und herausfordert, alltäglich etwas Heiliges zu leben? Vielleicht so, wie Martin Buber es sagte: „wenn du das Leben heiligst, begegnest du dem lebendigen Gott.“

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Dienstag , 09.06.20

Der evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher sagte einst:

„Der Gedanke an Gott begleitet den Frommen überall hin, […] und neben dem irdischen Leben, welches er mit Andern gemein hat, führt er noch ein anderes himmlisches und göttliches.“

Worum geht´s eigentlich im Leben und Glauben? Und was hat beides miteinander zu tun? Unendlich große Fragen, so unendlich wie das Geheimnis, um das sie sich drehen. Die Fragen auszuleben, das ist Religion. Oder wie Schleiermacher es ausdrückte: „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“ Mit der Bergpredigt drängt sich einem die Suche nach dem Unendlichen geradezu auf. Jesus nannte es „Himmelreich“ und meinte damit vielleicht etwas Ähnliches.

Die Bergpredigt ist eine große Suche nach dem Unendlichen. Das Leben selbst sucht manchmal nach Gründen und Hoffnungen, nach Wert und Bedeutung. Ich suche Heiliges, ich suche nach Gott. Die Bergpredigt ist zu solch einer Spurensuche zum Himmelreich geworden.

Von Bischof Franz Kamphaus, Feuer und Flamme

aus: Franz Kamphaus, Gott ist kein Nostalgiker. Anstöße für die Fasten- und Osterzeit. Freiburg u.a. (Herder) 2012, 134...189.

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Samstag, 06.06.20

Lassen wir uns vom Geist Jesu Christi leiten? Der ist nicht von gestern; der ist heute wirksam. Geistesgegenwart!

Wir brauchen einen Klimawandel.

Denn wo dieser Geist herrscht, da ist ein anderes Klima als unter denen, die immer mehr kriegen wollen und sich vom Eigennutz gefangen nehmen lassen. Da sind wir wach füreinander. Da haben Fremde Platz an unseren Tischen. Da kommen all die in den Blick, die sonst hinten herunterfallen, die gar nicht mitzählen …

Löscht diesen Geist nicht aus! (1Thess 5,19).

Wo der Geist Jesu Christi herrscht, da dürfen Gebeugte sich wieder aufrichten und aufatmen, da finden Schuldige Vergebung … Da wird die Welt nicht schöngeredet; da wächst Zivilcourage zum klaren Wort gegen das Verdrängen des sozialen Unrechts, da endet diese elende, geistlose Selbstbemitleidung. Klimawechsel!

„Löscht den Geist nicht aus!“

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Freitag, 05.06.20

Es lohnt, sich gelegentlich zu fragen: Was belebt mich eigentlich? Was inspiriert mich? Wo spüre ich, dass ich nicht nur funktioniere, sondern lebe? Was begeistert mich, reißt mich mit? Es gibt doch Erfahrungen, die mich über mein begrenztes Ich und meinen kleinen Sachverstand hinausführen …

Pfingsten heißt: Die trostlose Zeit ohne den Geist hat ein Ende, die lähmende Geistlosigkeit ist vorbei.

Wer sich vom Geist Gottes leiten lässt, der wird nicht beim Jammern und Klagen stehen bleiben. Er wird sich in Gottes Mission einklinken.

Die „Feuer und Flamme“ sind, strahlen aus. „Komm, Heiliger Geist, entzünde in uns das Feuer deiner Liebe!“

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Donnerstag, 04.06.20

Sind wir eigentlich noch bei Trost?

Es gibt Viele, die nicht nur im Blick auf ihre Umwelt und ihre Verhältnisse trostlos sind, sondern auch im Blick auf ihre eigene Lebenssituation. Traurigkeit hat sie überfallen.

Wie werden wir fertig mit diesen Erfahrungen? Sind wir noch bei Trost?

Wer kann trösten?

Es gibt einen billigen Trost. Aber „die Welt ist eine Nummer zu klein geraten, um die unendliche Sehnsucht eines Menschen stillen zu können“, sagt Kurt Tucholsky.

Es gibt nicht nur die Vertröstung. Es gibt auch den kostbaren Trost. Der weitet den Horizont, macht uns aufmerksam auf unsere Möglichkeiten, die wir fast ganz übersehen und vergessen hätten.

Diese neuen Möglichkeiten können wir wahrnehmen, ganz zu schweigen von den ungeahnten Möglichkeiten Gottes mit uns.

Gottes Möglichkeit, mehr noch: seine Wirklichkeit in uns ist der Heilige Geist. Ihn nennen wir den Tröster. Er weitet unseren Horizont.

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Mittwoch, 03.06.20

Der Heilige Geist als Lebensspender: das heißt, das Leben steht nicht zu unserer Disposition. Nicht wir sind Herren über Leben und Tod; Gottes Geist ist es, der lebendig macht.

Das Leben ist weniger Tat als vielmehr Gabe, weniger unser Werk als vielmehr Geschenk. Wenn wir uns ausleben wollen, dann ist es bald aus mit dem Leben. Es kommt darauf an, das Leben zu hüten, zu bewahren, zu erhalten. Das ist alles andere als konservativ und reaktionär. Das ist progressiv, das dient der Zukunft von Mensch und Schöpfung.

Es stimmt von Grund auf etwas nicht, wenn der Mensch nicht mehr weiß, wo sein Ursprung ist und wem er sich verdankt, wenn er mit dem Grund des Lebens nicht mehr zusammenstimmt. (…)

Wir bekennen uns zu Gottes Heiligem Geist, der Herr ist und lebendig macht.

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Dienstag, 02.06.20

Wir haben ein Problem in der Kirche. Wir wissen nicht mehr recht, wofür wir eigentlich da sind. Uns fehlt die Überzeugung, dass wir hier und heute eine Mission haben, die Mission, das Evangelium unter die Leute zu bringen. Das kirchliche Leben läuft korrekt und reibungslos, aber ohne Ausstrahlung. Das Feuer des Evangeliums ist sauber abgedeckt durch allzu viel Ängstlichkeit und Anpassung.

Da kann kein Funke überspringen.

„Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen“, sagt Jesus. Pfingsten geschieht die Initialzündung; Menschen werden, vom Geist Jesu erfasst, „Feuer und Flamme“.

Sie strahlen aus.

Darum auch heute noch die Bitte: „Komm, Heiliger Geist, … entzünde in uns das Feuer deiner Liebe.“ Lass in Flammen aufgehen, was leeres Stroh geworden ist.

Entfache neu sein Feuer in uns, sei du unsere Energie.

Von Hans Schaller SJ, Zu Gast im eigenen Haus

aus: Zu Gast im eigenen Haus. In: Geist und Leben (2018), Heft 3, 307-319

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Samstag, 30.05.20

Nicht immer tritt der Heilige Geist über die Pforte des Gebets bei uns ein. Sehr oft ist ja die Tür von innen geschlossen oder halb angelehnt. Wir möchten im Innersten schon gern, dass dieser Geist Raum gewinnt und unser Leben prägen würde, bleiben aber durch vielfache Ängste blockiert. Deshalb geschieht es, dass sich der Heilige Geist in uns nicht ausdehnen und auswirken kann.

Jedoch: Dieser Heilige Geist, mit seiner Macht der Liebe, verfügt über unbe-grenzte andere Wege, um bei uns Einlass zu finden. Er tritt ein durch geöff-nete Türen, in unseren Gebeten, er bemächtigt sich unserer Verriegelungen durch Stürme und Rippenstöße. C.S. Lewis bringt dies in einem treffenden Bild zur Klarheit:

„Gott wird keine Tür aufbrechen, um einzutreten. Vielleicht schickt er einen Sturm um das Haus, aber er kommt nicht so. Gott wartet, bis die Tür von innen aufgeht. Jeder Sturm ist nur ein Angriff der belagernden Liebe. Der Schrecken Gottes ist nur die Kehrseite seiner Liebe; es ist Liebe draußen, die innen sein möchte. - Liebe, die weiß: das Haus ist kein Haus, nur ein Ort, solange er nicht eintritt.“ Wo er aber eingelassen wird, kann etwas Neues beginnen.

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Freitag, 29.05.20

Die Ankunft des Heiligen Geistes, sein Wohnung-Nehmen bei uns, geschieht nicht, ohne dass wir Menschen dazu unser Einverständnis geben, früher oder später, aus freiem Willen oder in halber Nötigung. Der Geist Gottes will bei uns wohnen, will sich zuinnerst mit unserem Geist verbinden. An uns ist es, diesem Wunsch zu entsprechen und ihm Raum zu geben.

Er drängt sich nicht auf, nicht mit Gewalt, allein nur mit seiner Macht unend-licher Liebe. Aber in allem, wie immer dies geschieht, verlangt, ja bittet er um unser Mitwirken und unsere Zustimmung. Irgendwann und irgendwie werden wir gefragt, ob wir ihm Raum geben wollen, ob wir wirklich möchten, dass er in uns wohne.

Wie dies geschieht? Hauptsächlich und in erster Linie in und durch unser Gebet. Dies ist die vornehmste Einlassstelle, die bewusst und willentlich geöffnete Pforte. Wir wagen es, diesem Heiligen Geist unser ganzes Leben zu öffnen, machen unseren Willen, seinem Wirken zu vertrauen, ausdrücklich.

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Donnerstag, 28.05.20

Vom Heiligen Geist, der erwartet wird, ist gesagt, dass er „in uns wohnt“. Er werde sich bei uns niederlassen, um bei uns zu bleiben. So sehr wird er sich bei uns einrichten, dass es seine eigene Bleibe wird. Der Geist Gottes bewohnt das ganze Innere unseres Herzens, wird zu einem unzertrenn-lichen Wohngefährten. Er schafft eine häusliche Vertrautheit, wird sich in alles und jedes einweihen. Seine Sendung besteht darin, dort zuhause zu sein, wo wir Menschen zuhause sind, ganz da zu sein, wo wir leben.

Mächtig ist die Gegenwart dieses Geistes. Er verwandelt das Innere unserer Wohnung, verschönert es nach seinen Maßstäben. Aus einer armseligen Bude, in der wir uns nur halb wohlfühlen, soll ein wohnliches Gemach werden, ja noch mehr, ein neuer Palast. Licht soll rein, auch Luft, damit das Ganze schöner und wohnlicher wird.

Gott wünscht sich, in uns seinen ersten und schönsten Wohnsitz zu erstellen. Wir hingegen sind immer in Gefahr, ihm unser Herz als Zweitwohnung zu überlassen.

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Mittwoch, 27.05.20

Wie kann der Heilige Geist bei uns eintreten, und was trifft er an, wenn er an die Tür unserer Herzen klopft? Gibt es äußere oder auch innere Zeichen dafür, dass er erwartet und willkommen ist? Oder noch direkter gefragt: Sind wir überhaupt zuhause, um ihn zu empfangen?

Zuhause sein, um einen Gast zu empfangen! Was als Regel und gute Sitte für jede Gastfreundschaft gilt, ist auch für den Empfang des Heiligen Geistes von Belang. Man macht sich äußerlich zurecht, schafft im Inneren Ordnung, räumt auf. Wichtiger jedoch, über äußere Ordnung hinaus, ist die innere Bereitung. Wir stimmen uns ein, reservieren von vornherein genügend Zeit. Wir gehen dem Gast innerlich entgegen. Es bleibt Zeichen höchster Gastfreundschaft, wenn wir uns an die Tür stellen, um Ausschau zu halten, sodass der Gast, wenn er kommt, gleich erkennt, wie sehr er erwartet wird. Was gibt es Schöneres, als willkommen zu sein! „Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als sie Wächter auf den Morgen“ (Ps 130,6).

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Dienstag, 26.05.20

Heiliger Geist! Verschieden sind die Vorstellungen, die gläubige Menschen mit diesem Namen verbinden. Oft sind es Bilder aus der Natur, etwa ein Wind, von dem man nicht wissen kann, woher er kommt und wohin er geht ... Oder ein Licht, dem keine Finsternis widersteht.

Was da im Bild gemeint ist, ist in der Realität eine Person, eine Quelle von geistiger Gegenwart und Spontaneität, ein Jemand, ein Du, das auf uns Menschen zukommt, mit ähnlicher Kraft, wie es einem Wind und Sturm eigen ist. Eine dieser personalen Bezeichnungen, mit der die Wirklichkeit dieses Heiligen Geistes beschrieben wird, heißt „Gast, der Herz und Sinn erfreut.“

Der Heilige Geist - ein willkommener Gast in unserer Seele. Zuerst als Frage an uns: Wer möchte einen solchen Gast nicht gerne aufnehmen und herzlich willkommen heißen? Und doch! Wie willkommen ist er?

Von Christoph Wrembek SJ, Der Heilige Geist und das Reich Gottes

aus: https://wrembek.net/wp-content/uploads/2017/08/Der-Heilige-Geist-und-das-Reich-Gottes.pdf

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Samstag, 23.05.20

Wenn es zum Wesen Gottes gehört, Beziehung zu sein und zu schenken, dann muss das Leben Jesu davon voll sein. Aus dieser völligen Bezogenheit auf den Vater erwächst dann die Liebe, die das weitergibt, was der Vater ihm gegeben hat (Joh 15, 15), nämlich die Gemeinschaft, die Einheit: „Denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind.“ (Joh 17,22)

Jedwedes Fehlen von Beziehung können wir auch als „Tod“ umschreiben. Wenn aber der unendliche Geist des unendlichen Gottes Leben spendende Beziehung ist – dann kann es keinen endgültigen Tod geben: wohin Gott die Beziehung seines Geistes wehen lässt, entsteht notwendig Leben!

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Freitag, 22.05.20

Wonach suchen wir, wenn wir das Reich Gottes suchen? In jedem Vaterunser beten wir geläufig: „Dein Reich komme!“ Was meinen wir damit? Den Himmel? Das neue Jerusalem? Ist Reich Gottes vielleicht eine besondere Form der Herrschaft Gottes?

Oder meinen wir damit den „Himmel auf Erden“?

Worauf weist Jesus hin, wenn er vom Reich Gottes bzw. „Himmelreich“ spricht? Zum „Himmelreich“ gehört die ruhige Langmut des Wachsen-Lassens (Mt 13,24–30), gehört die Spannung zwischen Klein-Sein und Großes-Hervorbringen (13,31–33), gehört die Freude, etwas gefunden zu haben, wofür ich alles andere hergebe (13,44–46).

Im „Himmelreich“ herrscht Mitleid-Haben und Schuld-Schenken (18,23–35), herrscht nicht Belohnen, sondern Beschenken (20,1–16). Gott will, dass nicht nur wenige, sondern alle, Böse und Gute, zum Hochzeitsmahl in seinem Reich zu Tisch sitzen (22,2–10), aber man muss sich entscheiden (22,11–13). Und man muss (und kann!) die entsprechenden Maßnahmen im Voraus treffen (25,1–13), denn an diesem „Reich“ wird sich einmal alles entscheiden (13,47–50).

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Mittwoch, 20.05.20

Der Evangelist Johannes setzt nicht die Suche nach dem Reich Gottes, sondern das Bemühen um „Liebe zueinander“ an die erste Stelle. vEs wird deutlich, wie sehr beide Worte dasselbe meinen!

„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe...“ (Joh 13,34) besagt: Die Beziehung, die der Vater zu mir hat, die habe ich euch weitergereicht, damit nun ihr diese Beziehung weiterreicht. So wie ich dir begegnet bin, so begegne du jetzt anderen. So wird auch klar, wie Heiliger Geist und Reich Gottes zusammengehören. Das im Heiligen Geist erneuerte Angesicht der Erde bedeutet: Nur dort, wo diese göttliche Beziehung, sein Geist, unter den Menschen wächst, nur dort wird „alles neu geschaffen und das Angesicht der Erde erneuert!“ Nur, wo die Beziehungen zwischen den Menschen (und zu den Dingen!) erneuert werden nach dem Geist und der Beziehung, die in Gott herrscht und die er uns gegeben hat, nur dort, aber auch überall dort ist „neue Erde, neuer Himmel“, Reich Gottes.

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Dienstag, 19.05.20

Das Reich Gottes ist das Reich Gottes, jenes Reich, das in Gott ist! Es ist das, was in Gott herrscht, was zwischen den „drei Personen“ des einen Gottes herrscht. Was aber herrscht in Gott, „zwischen“ ihm? Im dreifaltigen Gott herrscht ein vollkommener „Austausch“: Der Vater verschenkt sich ganz an den Sohn, und der Sohn wiederum schenkt sich zurück an den Vater.

Und dieser personale „Prozeß“ des Sich-selbst-gegenseitig-Schenkens ist die „Person“ des Heiligen Geistes.

Der Heilige Geist ist die Liebe, die in Gott herrscht.

Der Heilige Geist ist das „Für Dich“ in Gott. Oder noch anders:

Der Heilige Geist ist die „Beziehung“ zwischen Vater und Sohn im dreieinigen Gott: Der Vater ist ganz und gar auf den Sohn bezogen und der Sohn ganz und gar auf den Vater.

Der Heilige Geist ist diese Beziehung sich verschenkender Liebe im dreifaltigen Gott.

So herrscht in Gott die Beziehung sich verschenkender Liebe – und der Heilige Geist ist diese Beziehung der Liebe! Diese Beziehung, die in Gott herrscht, ist das Reich Gottes!

Von Papst Benedikt XVI., Die Auferstehung Jesu aus dem Tod

aus: Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., Jesus von Nazareth Teil II, Herder 2011

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Samstag, 16.05.20

Es ist auffällig, dass die Jünger Jesus zuerst nicht erkennen. Das ist nicht nur bei den beiden von Emmaus der Fall, sondern auch bei Maria von Magdala und wieder am See von Genezareth: „Als es schon Morgen wurde stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war“ (Joh 21,4). Erst nachdem der Herr ihnen den Auftrag zur nochmaligen Ausfahrt erteilt hatte, erkannte ihn der Lieblingsjünger: Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: „Es ist der Herr!“ (21,7)

Es ist sozusagen ein Erkennen von innen her, das aber immer noch vom Geheimnis umfangen bleibt. Denn nach dem Fischfang, als Jesus sie zum Essen einlädt, ist immer noch eine seltsame Fremdheit da.

„Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist Du? Denn sie wussten, dass es der Herr war“ (21,12). Sie wussten es von innen, nicht durch Aussehen und Ansehen.

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Freitag, 15.05.20

Die Umkehrung der Proportionen gehört zu den Geheimnissen Gottes. Das Große, Mächtige ist letztlich doch das Kleine. Und das Samenkorn ist das wahrhaft Große.

So ist die Auferstehung nur in einigen geheimnisvollen Erscheinungen an die Erwählten in die Welt hereingetreten. Und doch war sie der eigentlich neue Anfang – das, worauf im Stillen alles wartete.

Und für die wenigen Zeugen war sie – gerade weil sie selber es nicht fassen konnten – ein so umstürzendes und reales Ereignis, so machtvoll auf sie zutretend, dass jeder Zweifel zerrann und sie mit einer ganz neuen Furchtlosigkeit vor die Welt hintraten, um zu bezeugen:

Christus ist wahrhaft auferstanden.

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Donnerstag, 14.05.20

Natürlich kann es keinen Widerspruch geben zu dem, was klare wissenschaftliche Gegebenheit ist. In den Auferstehungszeugnissen wird freilich von etwas gesprochen, was in unserer Erfahrungswelt nicht vorkommt. Es wird von etwas Neuem, bis dahin Einmaligem gesprochen – von einer neuen Dimension der Wirklichkeit, die sich zeigt. Das Bestehende wird nicht bestritten. Es wird uns vielmehr gesagt: Es gibt eine Dimension mehr, als wir sie bisher kennen.

Steht das im Widerspruch zur Wissenschaft? Kann es wirklich nur das geben, was es immer gab? Kann es nicht das Unerwartete, das Unvorstellbare, das Neue geben? Wenn es Gott gibt, kann er dann nicht auch eine neue Dimension des Menschseins, der Wirklichkeit überhaupt schaffen? Wartet nicht eigentlich die Schöpfung auf diesen letzten und höchsten „Mutationssprung“? Auf die Vereinigung des Endlichen mit dem Unendlichen, auf die Vereinigung von Mensch und Gott, auf die Überwindung des Todes?

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Mittwoch, 13.05.20

Das Paradox [der Auferstehung] war unbeschreibbar: dass [Jesus] ganz anders war, keine wiederbelebte Leiche, sondern ein von Gott her neu und für immer Lebender. Und dass er doch gerade so, obwohl nicht mehr unserer Welt zugehörend, zugleich real da war, ganz er selbst.

Es ging um eine ganz einzigartige Erfahrung, die die gewöhnlichen Erfahrungsräume sprengte und für die Jünger doch ganz unbestreitbar war.

Von daher erklärt sich die Eigenart der Auferstehungszeugnisse: Sie sprechen von etwas Paradoxem, von etwas, das alle Erfahrung überschreitet und dennoch ganz real da ist.

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Dienstag, 12.05.20

Die neutestamentlichen Zeugnisse lassen keinen Zweifel daran, dass mit der „Auferstehung des Menschensohns“ etwas ganz anderes sich ereignet hatte. Jesu Auferstehung war der Aufbruch in eine ganz neue Art des Lebens, in ein Leben, das nicht mehr dem Gesetz des Stirb und Werde unterworfen ist, sondern jenseits davon steht – ein Leben, das eine neue Dimension des Menschseins eröffnet hat. Deshalb ist die Auferstehung Jesu nicht ein Einzelereignis, das wir auf sich beruhen lassen könnten und das nur der Vergangenheit zugehörte, sondern ein „Mutationssprung“ (um dieses gewiss missverständliche Wort als Analogie zu benutzen). In Jesu Auferstehung ist eine neue Möglichkeit des Menschseins erreicht, die alle angeht und Zukunft, eine neue Art von Zukunft, für die Menschen eröffnet.

Von Ulrich Müller, Der Herr ist mein Hirte - Psalm 23

aus: https://www.zs-online.de/site/assets/files/3860/zs2011604.pdf

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Samstag, 09.05.20

Manchmal gehören auch dunkle Wege zum richtigen Weg.

Der Psalm 23 beschreibt keine heile Traumwelt, keinen Schönwetterglauben, ist nicht verklärt und unrealistisch. Tiefpunkte im Leben sind unvermeidbar. Wir können Enttäuschungen und Schicksalsschlägen nicht dauerhaft entkommen. Wir alle gehen früher oder später durch schwere und dunkle Lebensphasen.

Vielleicht bauen sich die Wände des Krankenzimmers links und rechts erdrückend und unüberwindbar auf wie hohe Felsen. Vielleicht müssen wir durch einen Wegabschnitt voller Bedrohungen und Gefahren gehen. Wir kämpfen heute nicht gegen wilde Löwen und Bären, aber unter Umständen gegen einen herzlosen Chef, gegen den Scheidungsanwalt des ehemaligen Lebenspartners oder gegen Kreditgeber, die drohende Mahnungen verschicken.

Der Psalm verschweigt die Widerwärtigkeiten des Lebens nicht, blendet Unangenehmes nicht aus. Das „finstere Tal“, das „Tal des Todesschattens“ ist eine plastische Umschreibung für solche dunklen, tiefen Lebensabschnitte. Sicher sind diese Worte auch eine Andeutung für Situationen, in denen der Tod seinen Schatten auf unseren Weg wirft.

Aber zwei Aspekte sollten wir nie aus den Augen verlieren: Erstens „wandern“ wir durch diese dunklen Täler der Depressionen, der Krankheiten, der Schicksalsschläge und Gefahren – wir bleiben dort nicht stehen.

Zweitens: Auch im „Tal des Todesschattens“ gilt: wir brauchen keine Angst zu haben. Der gute Hirte ist immer in unserer Nähe. Jesus verspricht uns: „Ich bin alle Tage bei euch, bis zum Ende der Welt“(Mt 28,20). Er weiß den Weg, er verliert das Ziel nicht aus den Augen, er geht voraus: „Gott steht nicht hinter mir und brüllt: ‚Geh!‘ Er ist vor mir und bittet: ‚Komm!‘“

Deswegen, sagt David, … ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir, …

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Freitag, 08.05.20

„Es ist bezeichnend, dass Schafe nur dann zur Ruhe kommen, wenn Ängste, Spannungen, Ärger und Hunger ausgeschaltet sind. Das Einzigartige an diesem Bild ist, dass nur der Hirte selbst sie von all diesen Beschwernissen zu befreien vermag.“ Ohne einen Hirten können sie nicht zur Ruhe kommen. Auch wir können ohne einen Hirten nicht zur Ruhe kommen.“

Gott entscheidet als Hirte, auf welcher Wiese wir pausieren und von welchem Wasser wir trinken sollen. Wir tun gut daran, uns auf ihn zu verlassen, ihm zu vertrauen.

„Schafe sind absolut orientierungslos. […] Schafe gehen von Grasbüschel zu Grasbüschel, und ohne es zu merken, haben sie sich verlaufen und finden nicht zurück. Sie brauchen einen Hirten, der sie führt.“

Auch hier ähneln wir nicht selten den Schafen: Wir trotten hierhin und dorthin, um „Grasbüschel“ abzuknabbern. Wir gehen mit Vorliebe unsere eigenen Wege. Nicht selten verlaufen wir uns auf unserem Lebensweg. Nicht wenige verzetteln sich, kommen vom Weg ab, verlieren das Ziel aus den Augen. Nicht selten endet unser Weg im Abseits. Und vor allem: Bei Gott kommen wir so auf uns gestellt nie an.

Der Prophet Jesaja benutzt dieses Bild ebenfalls, als er Jesus Christus als Messias ankündigt: „Wir alle waren wie Schafe, die sich verlaufen haben; jeder ging seinen eigenen Weg“ (Jes 53,6).

Wer sich von Gott leiten lässt, ist immer auf dem richtigen Weg.

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Donnerstag, 07.05.20

Dem Luchs hilft sein empfindliches Gehör bei der Jagd. Ein Adler kann mit seinem scharfen Blick aus großer Höhe den Boden nach Beutetieren absuchen und erspäht sein Mittagessen notfalls auch aus mehreren tausend Metern Entfernung. Ein Schaf hat nicht mal das Gespür für saftiges Gras 500 Meter weiter. Es registriert sein Essen fast erst dann, wenn es darauf steht. Schafe sind in frappierender Deutlichkeit auf Führung angewiesen.

Wir Menschen sind manchmal wie Schafe: wir sind betreuungsbedürftig. Wir sind darauf angewiesen, dass Gott für uns da ist. Von dieser dauerhaften Tuchfühlung spricht der Psalm 23, von dieser engen Bindung an Gott, die sich in krisenhaften, schwierigen Situationen besonders deutlich zeigt und bewährt.

Was bedeutet die grüne Wiese, das stille Wasser für uns? Wir haben Durst nach echtem, göttlichem Leben. Und da kommt es darauf an, wie wir diesen Durst stillen. Hier hilft wieder der Blick auf die Welt der Schafe weiter: „Sind Schafe durstig, werden sie unruhig und gehen auf die Suche nach Wasser, um ihren Durst zu stillen. Werden sie nicht zu Quellen mit gutem, reinem Wasser geführt, landen sie leicht bei verseuchten Schmutzlöchern. Wenn sie daraus trinken, nehmen sie Schmarotzer und ähnliche Krankheitserreger auf und werden krank“.

Alle Menschen spüren früher oder später ihren Durst nach echtem Leben, nach Sinn, nach Orientierung. Manche suchen dann in schmutzigen, abgestandenen Wasserlöchern nach Erfüllung.

Gott lädt uns ein, das klarste und gesündeste Wasser zu trinken, das unsere Sehnsüchte stillt. Trinken heißt im übertragenen Sinne also: „ein Mensch nimmt das in Jesus Christus ihm von Gott angebotene Leben in sich auf und verwandelt es gleichsam zu einem Bestandteil seiner selbst“.

Gottes Worte, also Gottes Zusagen und Vorstellungen, sollen in uns durch die Kraft des Heiligen Geistes lebendig gemacht werden. Wie? Indem wir es auf uns wirken lassen, aufnehmen, in uns wirken lassen.

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Mittwoch, 06.05.20

Eine häufige Grundhaltung bei uns Menschen ist die ständige Unzufriedenheit. Wir sind unzufrieden mit unserem Aussehen, unserem Kontostand, unserer Wohnsituation, der Kirche. Wir meinen, zu wenig zu haben von diesem und jenem … Wie oft denken wir: „Wenn ich … endlich hätte, wäre alles in Ordnung und ich wäre vollkommen glücklich!“

Zufriedenheit und Glück stellen sich nicht automatisch ein, wenn wir alles haben, was wir uns wünschen.

David sagt hier: „Mir fehlt nichts. Überhaupt nichts.“ Noch besser, er geht noch weiter: „Mir wird nichts mangeln.“ Das heißt auch in die Zukunft gerichtet: „Komme, was mag – ich bin zufrieden.“ Im ganzen Psalm findet sich keine einzige Bitte, keine Klage! David drückt damit ein großes, grenzenloses Gottvertrauen aus: „Was er macht, ist richtig und gut für mich. Er gibt mir, was ich brauche.“ Daraus spricht die Sicherheit, dass Gott seine Herde nicht als „Masse“ behandelt, sondern er „kennt und liebt sie in ihrer Individualität“, er „weiß, was jeder braucht – und lässt es ihn finden“.

Wenn ich etwas nicht habe, was ich mir dringend wünsche, heißt das ja nicht automatisch, dass es mir auch wirklich fehlt.

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Dienstag, 05.05.20

Warum ist gerade der 23. Psalm so bekannt und beliebt?

Woher kommt diese Anziehungskraft? Der Psalm 23 lebt von Bildern einer längst vergangenen Viehzüchtergesellschaft. Die Lebenswelt der altorientalischen Halbnomaden ist uns heute sehr fremd. Aber der Psalm lebt nicht von einer fast kitschigen Hirtenromantik, sondern er berührt uns an einer ganz anderen Stelle. Er spricht uns an, weil er ausspricht, was uns bewegt. Weil er Worte findet für unser Bedürfnis, versorgt, geschützt und geborgen zu sein.

Etwa 1000 vor Christus regiert David als König über Israel. Er ist in seiner Jugend selber als Hirte aktiv gewesen Er kennt „die Bedürfnisse der Schafe und die Pflichten des Hirten“.

Hier geht es also, wenn man genau hinschaut, nicht um ein romantisches Postkartenmotiv vom Hirten. In diesem Psalm besingt David einen noch größeren König, nämlich Gott. David spricht in diesem Psalm „nicht als Hirte, obwohl er ja ein Hirte war, sondern vielmehr als Schaf, als einer aus der Herde“.

Mit anderen Worten sagt David: „Ich stehe als König an der Spitze des Staates, aber über mir steht Gott, der ist mein Hirte.“ David sagt nicht allgemein „Gott ist wie ein Hirte“, oder „Gott ist der Hirte schlechthin“, David sagt: Gott ist mein Hirte. Das ist ganz individuell formuliert! David ist froh, dass Gott ihn führt und leitet, schützt und versorgt. Und es klingt stolz, bewundernd: „Gott kümmert sich liebevoll um mich – und ich gehöre zu ihm.“

Von Frère Roger Schutz | Hab keine Angst, ich bin da. - Das Leben mit dem Auferstandenen

aus: Die Grundlagen der Communauté von Taizé, Freiburg 2016 | Gott kann nur lieben, Freiburg 2002

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Samstag, 02.05.20

Wäre Christus nicht auferstanden und hätte er nicht seinen Heiligen Geist gesandt, wäre er uns nicht nahe. Er bliebe eine der bemerkenswerten Gestalten in der Geschichte der Menschheit. Aber es wäre nicht möglich, mit ihm Zwiesprache zu halten. Wir würde es nicht wagen, ihn anzurufen: Jesus Christus, in jedem Augenblick stütze ich mich auf dich; selbst wenn es mir nicht gelingt zu beten, bist du mein Gebet.

Bevor Christus die Jünger verließ, sicherte er ihnen zu, dass er ihnen den Heiligen Geist als Beistand und Tröster senden wird. Daran können wir erkennen: Wie Christus auf der Erde bei den Seinen war, ist er durch den Heiligen Geist heute in gleicher Weise allen Menschen nahe.

Er ist immer geheimnisvoll gegenwärtig, greifbarer für den einen, verborgener für den anderen.

Es ist, als könnten wir ihn sagen hören: „Weißt du nicht, dass ich dir nahe bin und durch den Heiligen Geist in dir lebe? Ich werde nie von dir gehen.“

Diese geheimnisvolle Nähe ist für unsere Augen unsichtbar. Für alle bleibt der Glaube schlichtes Vertrauen auf Christus und den Heiligen Geist.

Von Dr. Angela Reinders | Gottes Heiliges Haus entsteht aus lebendigen Steinen

aus: http://www.kunstic.de/downloads/heiligerraum.pdf

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Zum Hochfest der Kirchweihe von Groß Sankt Martin

Freitag, 01.05.20

„Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. […] Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen. […] Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.“

So heißt es in einem Roman.

Gott ist „der Heilige“. So sagt es die Liturgie. Doch Gott ist nicht nur der Heilige, wenn Menschen diese Worte singen und sagen, wenn sie ihn als den Heiligen bekennen. Gott ist schon vor jedem Menschenwort heilig. Er bleibt dem Menschen unverfügbar.

„Raum“ als Wohnraum der Weisheit Gottes, ist sozusagen einer der Namen dieses heiligen, unverfügbaren Gottes. Gott, der Raum ist und schenkt, räumt den Menschen Raum ein, damit sie darin wohnen. Die Menschen, die den Raum als Gabe aus der Hand Gottes empfangen und empfinden, glauben, dass Gott ihren Lebensraum umfängt und darin gegenwärtig bleibt. Darum kann der Mensch ihm darin begegnen: Umgeben vom Heiligen, von Gott, der Lebensraum einräumt, kann der Mensch die Welt bewohnen. „Wohnen bedeutet für den Menschen, eine Stätte des Bei‐sich‐Seins, der Selbst‐Begegnung und der Begegnung mit vertrauten Menschen zu haben. Sakrale Räume fügen als dritte Dimension die Begegnung mit dem Anderen, mit Gott, hinzu.“

Von Frère Roger Schutz | Hab keine Angst, ich bin da. - Das Leben mit dem Auferstandenen

aus: Die Grundlagen der Communauté von Taizé, Freiburg 2016 | Gott kann nur lieben, Freiburg 2002

Von Frère Roger Schutz | Hab keine Angst, ich bin da. - Das Leben mit dem Auferstandenen

aus: Die Grundlagen der Communauté von Taizé, Freiburg 2016 | Gott kann nur lieben, Freiburg 2002

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Donnerstag, 30.04.20

Mögen wir uns manchmal wie in einer Nacht befinden, mitten in der Dunkelheit scheint ein Licht. Der Apostel Paulus lädt ein, es zu betrachten ‚bis der Morgen anbricht und der Tag aufgeht in unserem Herzen.‘ Eine Pflanze, die nicht dem Licht zugewandt ist, verkümmert. Könnte ein Glaubender, der bei den Schatten verweilt, in sich das Vertrauen des Herzens wachsen lassen?

Durch den Heiligen Geist kommt Christus und durchdringt, was uns an uns selber beunruhigt. Er erreicht das Unerreichbare, sodass auch die Finsternis durch seine Nähe hell erleuchtet werden kann.

Es gab einen Moment da hatte ich den Tod vor Augen und ich ahnte: Mehr als der Leib hat zunächst das Innerste Heilung nötig. Und die Heilung des Herzens liegt zuallererst im schlichten Vertrauen auf Gott. Die Jahre der Krankheit ließen mich begreifen, dass die Quelle des Glücks weder in aufsehenerregenden Gaben noch in mühelosem Gelingen liegt, sondern in der schlichten Hingabe. Der Apostel Paulus umschreibt diese Wirklichkeit des Evangeliums mit tiefer Einsicht: „Wenn ich schwach bin, bin ich gestärkt in Gott.“

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Mittwoch, 29.04.20

In jedem Menschen gibt es eine Einsamkeit, die keine menschliche Zuwendung ausfüllen kann. Dennoch bist du nie allein. Schaust du in dich, in das Innerste deines Herzens, wirst du erkennen, dass tief in dir, dort, wo kein Mensch dem anderen gleicht Christus auf dich wartet. Und es bricht etwas auf, das man nicht zu hoffen wagte.

Belastet dich etwas, was du nicht begreifen kannst? Wenn die Nacht immer dunkler wird, ist Gottes Liebe wie ein Feuer. Schau auf dieses Licht, das in der Finsternis leuchtet, bis die Morgenröte aufgeht und in deinem Herzen ein neuer Tag anbricht.

Du weißt, dass nicht du die Quelle dieses Lichtes bist, es kommt von Christus. Ohne dass wir damit rechnen besucht uns die Liebe Gottes; wie ein Licht in der Nacht leuchtet der Heilige Geist in jedem Menschen. Eine geheimnisvolle Gegenwart des Auferstandenen trägt dich.

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Dienstag, 28.04.20

Ob ihn jemand erkennt oder nicht: Christus, der Auferstandene, ist jedem nahe, auch dem, der sich dessen nicht bewusst ist. Er ist wie ein Feuer im Herzen des Menschen, ein Licht in der Dunkelheit. Er liebt dich, als wärest Du sein einziges Kind.

Für dich hat er sein Leben dahingegeben, darin besteht sein Geheimnis. Gott ist Geist, seine Gegenwart ist nicht sichtbar. Christus lässt Gott durchscheinen, auf diskrete Weise. Wundere dich nicht, wenn das Wesentliche deinen Augen verborgen bleibt. Das stärkt deine Sehnsucht, dem Auferstandenen entgegenzugehen. Im Lauf der Zeit erahnst Du die Tiefe und Weite einer Liebe, die alles Erkennen übersteigt. Bis ans Ende deines Lebens entspringen daraus ein bewunderndes Staunen und der Mut, immer wieder neu anzufangen.

Von Friedrich Wulf SJ | Das Geschenk von Ostern in der Erfahrung unserer Zeit

F. Wulf, Das Geschenk von Ostern in der Erfahrung unserer Zeit, in: GuL 50/2 (1977) n. 255, 81-85

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Samstag, 25.04.20

Christliche Gemeinschaft geschieht dort, wo sich der Geist in pfingstlicher Macht auf die versammelte Gemeinde herabsenkt. Damit ist nun aber der Ort angegeben, den Ostern für uns heute einnehmen müsste, die Weise, in der sich Ostern für uns ereignen könnte und sollte.

Ostererfahrung gibt es für uns, soll sie keine Täuschung sein, im tiefsten nur in der Gemeinschaft der Glaubenden und Liebenden, dort, wo der Glaube gemein-sam bekannt wird und die Liebe das Band ist, das zusammenhält, dort, wo der Herr als der Lebendige, Versöhnende, Vergebende und Einende gegenwärtig gewusst ist.

„Der Herr ist erstanden“ heißt dann existentiell: Er ist in die Gemeinschaft hinein erstanden. Niemand sieht Ihn ohne den anderen; alle aber sehen nicht mehr sich selbst, sondern nur noch Ihn.

Hier würde dann für uns Heutige wieder jene Freude der Jünger erfahrbar, von der in den Evangelien die Rede ist, wenn der Herr plötzlich in ihre Mitte tritt! Dahin müsste die Osterbotschaft in unserer Zeit die Menschen führen.

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Freitag, 24.04.20

Fast alle Begegnungen mit dem auferstandenen Herrn - abgesehen von den Einzelerscheinungen vor Simon Petrus und Maria Magdalena – ereignen sich in der neuen Gemeinschaft des Gottesreiches und fast immer beim Mahl, dem Zeichen geschwisterlicher Einheit und Liebe. In Jesus, dem Versöhner und Friedensstifter, hat Gott sich selber den Menschen mitgeteilt, sie zuerst, umsonst geliebt, als sie noch Sünder waren.

Mit dieser Liebe, dem Geschenk des Ostertages, wird nun auch der Mensch befähigt, geschwisterliche Gemeinschaft zu gründen und in ihrer ständigen Bedrohtheit durchzuhalten. Das zu wissen, ist gerade heute für Christen von großer Bedeutung, wo das Zusammenleben und -arbeiten, auch dort, wo man sich glaubend in freier Gemeinschaft gefunden hat - in der Ehe, in geistlichen Gemeinschaften, in Gruppen und Fraternitäten -, um so vieles schwerer geworden ist.

Wenn nun ein lebendiger Osterglaube die Voraussetzung dafür ist, dass unter den Bedingungen der heutigen Zeit mit ihren psycho-soziologischen Gegebenheiten überhaupt geschwisterliche Gemeinschaft mit ihrem Einander-Tragen-und-Ertragen, ihrem Füreinander-Da-Sein immer wieder versucht wird, dann gilt auch umgekehrt: Wo solche Gemeinschaft unter Glaubenden gelingt, da wird man zu der Erfahrung kommen: hier ist der Herr anwesend, hier geschieht Begegnung mit dem Auferstandenen.

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Donnerstag, 23.04.20

Wo Not und Einsamkeit, Verlassenheit und Angst mit Christus durchgestanden wurden, wo sich einer glaubend in die Dunkelheit des Geheimnisses Gottes mit Christus fallen ließ, da beginnt schon - vielleicht unbewusst - das Osterlicht aufzuleuchten und kann eine Freude ohnegleichen auslösen.

Auferstehung Christi heißt in existentieller Tiefe für den Glaubenden, dass der Gekreuzigte als der zu neuem Leben Erweckte im Herzen des Glaubenden aufgeht. Auf der Hinführung zu solcher Erfahrung läge wohl der erste Schwerpunkt heutiger Osterverkündigung.

Dazu kommt aber noch ein zweiter: Das Ostergeheimnis gilt nicht nur dem Einzelmenschen, sondern betrifft wesentlich die Menschheit im ganzen. Wenn das entscheidende Ostergeschenk Friede und Versöhnung sind, dann ist damit zwar primär die Versöhnung der Menschen mit Gott gemeint, aber diese Befreiung von Sünde und Schuld ist eben nicht vollziehbar ohne die Versöhnung der Menschen untereinander. Dies war schon im Abendmahlsaal grundgelegt: die Gemeinschaft der Glaubenden und Liebenden, deren Mitte und Einheit Christus ist, der Versöhner, der alle Wände, die Menschen voneinander trennen, niedergerissen hat.

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Dienstag, 22.04.20

Jahrhunderte lang hat man davon gelebt, dass der Glaube an die Auferstehung dem menschlichen Dasein einen Sinn gab, wie immer es verlief. Wird man das heute noch so einfach sagen können?

Der Tod und das, was darauf folgt, nehmen im Leben der Christen nicht mehr die beherrschende Rolle ein, die sie einmal hatten. Sind es die irdischen Aufgaben, die uns stärker in Anspruch nehmen, ist es die Faszination der immer verlockender gemachten Welt, ist es der vom medizinischen Fortschritt geförderte unbeugsamere Lebenswille, die den Gedanken an Tod und Auferstehung verdrängen? Was also ist zu tun, um dem Ostergeheimnis wieder die zentrale Stelle im Leben der Glaubenden zurückzugeben?

Wir sind mit Christus auferweckt, doch ist dies ein Prozess des Glaubens, der kein Ende kennt, sondern immer wieder von neuem zu Konsequenzen herausfordert in den Taten des Lebens. Wo das aber konkret erfahren wird, wo Sterben und Tod des Herrn im eigenen Sterben immer wieder nachvollzogen werden, da kann die Freude der Jünger am Ostertag auch im Herzen der Glaubenden wieder Raum gewinnen, immer wieder neu und ursprünglich aufbrechen, als wären wir dabei gewesen.

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Dienstag, 21.04.20

Wie soll das Ostergeheimnis heute verkündigt werden? Wie kann es in unserer Zeit den vielen Resignierten zum Anruf werden, ihnen in ihren Fragen und Nöten eine Hilfe sein, sie mit neuer Hoffnung und Freude erfüllen? Die Ostererfahrung der Jünger gipfelt in dem Ausruf der Freude: Der Herr lebt und ist uns erschienen, wir haben mit ihm gegessen und getrunken; Gott hat ihn von den Toten auferweckt!

Damit verbunden ist die große Hoffnung: Er wird wiederkommen, und alle, die an ihn glauben, werden mit ihm zu einem neuen, ewigen Leben gelangen. Dahin geht deshalb die Sehnsucht der ersten Christen: Komm Herr Jesus!

Sind uns aber nicht diese beiden Weisen der Ostererfahrung fremd geworden? Wir haben Jesus nicht leibhaftig gekannt, sind nicht direkte Zeugen seines Wortes und seiner Taten, können uns nicht so seine Freunde nennen, wie die Jünger, die Leben und Schicksal mit ihm teilten. Nur aus solchem Erleben aber ist ihre jubelnde Freude am Ostertag in der Begegnung mit dem Herrn zu verstehen.

Die Osterbotschaft lautet fortan: Durch seinen Heiligen Geist erschließt der Herr auch uns heute noch gemeinsam die Schrift. Er, der Auferstandene, ist der Garant unserer Auferstehung am Ende der Tage, das Gott allein bestimmt. In aller Not und jeglichem Leid ein großer Trost für die Glaubenden.